Kaum ein ägyptisches Bild ist so anschaulich wie dieses: Ein Gott mit Widderkopf sitzt an einer Töpferscheibe und formt darauf ein kleines Kind. Das ist Chnum. Er gehört nicht zu den Göttern, die in Filmen und Romanen auftauchen, aber wer zwischen Luxor und Assuan unterwegs ist, begegnet ihm öfter, als man denkt: in Esna, auf Elephantine und in den Geburtsszenen großer Tempel.

Chnum im Steckbrief
MerkmalAngabe
NameChnum (deutsch), Khnum (englisch)
VariantenH̱nmw (Fachumschrift), Chnemu, Chnubis (griechisch), Chnum-Re
ZuständigkeitSchöpfung von Göttern, Menschen und Tieren, Nilflut am Ersten Katarakt, Fruchtbarkeit der Felder
ErkennungsmerkmaleWidderkopf mit waagerecht abstehenden, gedrehten Hörnern, oft mit Atefkrone; in Szenen an der Töpferscheibe
Wichtige KultorteElephantine in Assuan, Esna südlich von Luxor
Verwandte GottheitenSatet, Anuket, Neith, Nebtu und Menhit, Heka, Re, Amun, Ptah
Illustration: Chnum mit Widderkopf und waagerecht gewellten Hörnern, in den Händen eine Schale

Chnum oder Khnum: Name und Beinamen

Chnum ist die deutsche Umschrift, Khnum die englische, beide meinen denselben Gott. In der Fachumschrift heißt er H̱nmw, die Griechen schrieben Chnubis. Was der Name bedeutet, ist unsicher. Vorgeschlagen werden ein Zusammenhang mit einem Wort für „Brunnen“ oder „Quelle“ und eine Verwandtschaft mit einem semitischen Wort für Schaf.

Wie alt sein Kult ist, zeigt ein berühmter Name: Der volle Name des Cheops, Erbauer der größten Pyramide von Gizeh, lautet Chnum-Chufu, sinngemäß „Chnum schützt mich“. Mehr zu diesem König liest du unter Pyramiden von Gizeh. In Esna trägt Chnum in späterer Zeit Beinamen wie „frühester Urgott“, „Schöpfer aller Wesen“, „Bildner der Götter und Menschen“ und „Herr des Lebens“. Dort wird er auch als Chnum-Re mit dem Sonnengott verbunden.

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Der Schöpfer an der Töpferscheibe

Das Bild vom Töpfergott ist ein Überlieferungsmotiv, keine einheitliche Schöpfungsgeschichte. Es sagt: Wie ein Töpfer aus Nilschlamm Gefäße dreht, so formt Chnum lebende Wesen. Nach dem Ägyptologen Jochen Hallof unterscheiden die Texte in Esna dabei klar zwischen zwei Arten des Erschaffens. Chnum formt Wesen und Dinge körperlich auf der Töpferscheibe, seine Partnerin Neith erschafft sie, indem sie sie denkt und ihren Namen ausspricht. Beide gelten dort als Erscheinungsformen eines einzigen, allmächtigen Schöpfers.

Besonders schön zu sehen ist das Motiv in den sogenannten Geburtslegenden. Im Totentempel der Hatschepsut in Deir el-Bahari und im Luxor-Tempel unter Amenophis III. formt Chnum auf seiner Scheibe das Königskind und dessen Ka, die Lebenskraft. Die Szenen sollten zeigen, dass der König von Anfang an göttlich gewollt war.

In Esna ist sogar ein Fest der Töpferscheibe überliefert, laut Hallof das einzige Tempelritual Ägyptens, das vollständig bekannt ist. Am ersten Tag des dritten Wintermonats, ungefähr Ende Februar, brachten Frauen nachts eine Töpferscheibe ins Allerheiligste und sangen eine Litanei, ohne männliche Priester. Sie hofften, dass die schöpferische Kraft des Gottes auf sie übergeht.

Herr der Nilflut am Ersten Katarakt

Elephantine liegt am Ersten Katarakt, wo Granitfelsen den Nil in Stromschnellen aufteilen. Für die Ägypter war das lange die Südgrenze und der Ort, an dem die Flut ins Land kam. Nach der Überlieferung kam das Hochwasser aus Höhlen in dieser Gegend, und Chnum gab es frei. Die ägyptische Antikenverwaltung beschreibt ihn deshalb als Gott der jährlichen Nilflut, ebenso wie die Göttin Satet, die neben ihm auf Elephantine einen Tempel hatte.

Wie wichtig dieser Anspruch war, zeigt die Hungersnotstele auf der Insel Sehel bei Assuan. Der Text stammt wohl aus der Ptolemäerzeit, spielt aber unter König Djoser rund zweieinhalb Jahrtausende früher: Nach sieben Jahren Dürre verspricht Chnum im Traum, die Flut zurückzubringen, und der König schenkt seinem Tempel Land und Einkünfte. Die Forschung liest das meist als Legende, mit der die Chnum-Priester ihre Rechte untermauerten, nicht als Bericht über eine echte Hungersnot zur Zeit Djosers.

In Esna kommt eine weitere Rolle dazu: Als „Chnum des Feldes“ erschafft er nicht, sondern erhält. Er sorgt dafür, dass die Schöpfung weiterläuft, und vermisst die Felder.

Widderkopf mit waagerechten Hörnern: So erkennst du Chnum

Chnum erscheint als Mann mit Widderkopf, oft mit der hohen Atefkrone und einem Königsschurz, oder ganz als Widder. Das wichtigste Merkmal sind die Hörner: lang, gedreht und waagerecht zur Seite gestreckt. Sie gehören zu einer frühen Schafrasse, die laut der Ägyptologin Emily Teeter in Ägypten seit dem Mittleren Reich ausgestorben war. Das Zeichen blieb trotzdem, denn Götterbilder änderten sich langsamer als die Viehzucht.

Der Widder des Amun dagegen hat nach unten gebogene, eng geschwungene Hörner einer jüngeren Rasse. Manche Darstellungen kombinieren beide Hornformen, dann hilft die Beischrift. Die waagerechten Hörner allein sind kein sicherer Beweis für Chnum: Auch Sobek trägt sie unter seiner Federkrone.

Elephantine und Esna: die Kultorte

Elephantine

Auf der Südspitze der Nilinsel vor Assuan lagen die Tempel des Chnum und der Satet. Zur Familie gehörte außerdem Anuket, die Göttin des Katarakts. Ein deutsches Grabungsteam erforscht die Insel seit Jahrzehnten; laut Deutschem Archäologischem Institut lässt sich die Geschichte der Tempel von der Zeit um 3000 v. Chr. bis zur islamischen Eroberung 642 n. Chr. verfolgen. Vom Chnum-Tempel sind heute vor allem Fundamente und Mauerreste erhalten. Auf der Insel wurden auch mumifizierte Widder bestattet, die als heilige Tiere des Gottes galten.

Esna

In Esna, griechisch Latopolis, steht der besser erhaltene Tempel. Der ptolemäische Kernbau entstand unter Ptolemaios V. (205 bis 180 v. Chr.). Zu sehen ist heute vor allem die große Säulenhalle, die in römischer Zeit dazukam und bis ins 3. Jahrhundert n. Chr. dekoriert wurde. Chnum teilt sich den Tempel mit Neith; seine Gefährtin ist hier Nebtu, deren zornige Form die Löwin Menhit, ihr Kind der Gott Heka. Eine Besonderheit für Hieroglyphenfans: Zwei Hymnen an Chnum und Neith sind fast nur mit Widder- und Krokodilzeichen geschrieben. Wie solche Schriftspiele funktionieren, erklärt der Artikel über Hieroglyphen.

Vom Grenzgott zum Allschöpfer

Chnum gehört zu den ältesten belegten Göttern Oberägyptens; schon im Alten Reich (ungefähr 2686 bis 2181 v. Chr.) war er so bedeutend, dass Cheops seinen Namen trug. Im Neuen Reich (ungefähr 1550 bis 1069 v. Chr.) dient er den Königen als göttlicher Bildner ihres Körpers. Seine größte theologische Ausgestaltung erfährt er aber spät: In der Ptolemäer- und Römerzeit wird er in Esna zum Urgott und Schöpfer der Welt, in einem Atemzug mit Neith und Re. Wie diese späten Tempeltheologien entstanden, ordnet der Artikel Religion und Mythologie im alten Ägypten ein.

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Wo du Chnum heute sehen kannst

  • Elephantine in Assuan: Reste des Chnum-Tempels, der rekonstruierte Satet-Tempel, der Nilometer und ein Museum mit Funden der deutschen Grabung. Eintritt und Öffnungszeiten stehen auf der Seite über Assuan.
  • Tempel von Esna: die römische Säulenhalle mit zahlreichen Reliefs von Chnum und Neith. Viele Kreuzfahrtschiffe zwischen Luxor und Assuan halten hier.
  • Deir el-Bahari und Luxor-Tempel: die Geburtsszenen mit Chnum an der Töpferscheibe. Ob die jeweiligen Räume geöffnet sind, prüfst du vor Ort.
  • Insel Sehel bei Assuan: die Hungersnotstele auf einem Granitfelsen, erreichbar mit dem Boot. Zugang und Fahrt klärst du am besten in Assuan.
Hieroglyphen und Reliefs auf Tempelsäulen in Luxor
Hieroglyphen und Reliefs auf Tempelsäulen in Luxor

Verwandte Gottheiten und Verwechslungsgefahr

  • Satet und Anuket: die Göttinnen von Elephantine und dem Katarakt, mit Chnum als Familie verehrt.
  • Neith: Partnerin in Esna, die durch Gedanke und Wort erschafft. In den Pyramidentexten erscheint sie zugleich als Mutter des Sobek.
  • Ptah: der Schöpfergott von Memphis, der durch das Wort erschafft, während Chnum mit den Händen formt.
  • Ra: in Esna als Chnum-Re mit ihm verbunden.
  • Amun: ebenfalls oft als Widder dargestellt, aber mit anders gebogenen Hörnern; Verwechslungen sind häufig.

Alle 16 Gottheiten mit vergleichbaren Steckbriefen findest du im Überblick Ägyptische Götter.

Häufige Fragen

Schreibt man Chnum oder Khnum?

Beides meint denselben Gott. Chnum ist die deutsche Umschrift, Khnum die englische; das deutsche „ch“ entspricht dem englischen „kh“. In älteren Büchern findest du auch Chnemu, die Griechen schrieben Chnubis.

Hat Chnum nach ägyptischem Glauben die Menschen erschaffen?

Nach einer von mehreren Überlieferungen, ja. In Esna und Elephantine formt er Götter, Menschen und Tiere auf der Töpferscheibe. In Heliopolis galt dagegen Atum als Schöpfer, in Memphis Ptah, der durch das Wort erschafft. Die Ägypter sahen in diesen Fassungen keinen Widerspruch, sondern verschiedene Blickwinkel auf dieselbe Frage.

Wie unterscheide ich Chnum von Amun als Widder?

Achte auf die Hörner. Chnum trägt meist die waagerecht abstehenden, gedrehten Hörner einer alten Schafrasse, der Widder des Amun hat nach unten gebogene, eng um das Ohr geschwungene Hörner. Die Widdersphingen vor dem Karnak-Tempel gehören zu Amun, nicht zu Chnum.

Was ist die Hungersnotstele?

Eine Felsinschrift auf der Insel Sehel bei Assuan, wohl aus der Ptolemäerzeit. Sie erzählt, unter König Djoser habe der Nil sieben Jahre lang nicht genug Wasser gebracht, bis Chnum im Traum Abhilfe versprach und der König seinem Tempel Land und Einkünfte schenkte. Viele Fachleute lesen den Text als Werk der Chnum-Priester, die damit späte Ansprüche historisch absichern wollten.

Kann ich den Chnum-Tempel in Esna besichtigen?

Ja, Esna liegt zwischen Luxor und Edfu, und viele Nilkreuzfahrten legen dort an. Erhalten ist vor allem die große Säulenhalle aus römischer Zeit, die heute mitten in der Stadt in einer Grube unter dem Straßenniveau liegt. Öffnungszeiten und Eintritt prüfst du am besten vor deinem Besuch.

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Quellen und Stand

Stand: Oktober 2026. Angaben zu Preisen, Öffnungszeiten und Regeln können sich ändern. Prüfe sie vor der Reise bei der jeweiligen Stelle.

Über den Autor: Oliver Misch

Herausgeber von AEGYPT

Oliver kennt Ägypten von vielen Reisen und Ausflügen, vor allem rund um das Rote Meer. Für AEGYPT recherchiert er jede Seite anhand amtlicher und fachlicher Quellen und nennt sie offen. Mehr über Oliver · So arbeiten wir

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