Die Karten oben führen dich direkt zu den 16 Porträts. Dieser Text hilft dir bei der Einordnung: wie die alten Ägypter ihre Götter verstanden, welche Symbole du auf Tempelwänden lesen kannst und wo Verwechslungen lauern. Für die großen Zusammenhänge von Kult, Mythen und Tempelalltag lohnt sich danach der Artikel über Religion und Mythologie im alten Ägypten.
So verstanden die alten Ägypter ihre Götter
Ägypten hatte über drei Jahrtausende keine einheitliche Religion mit festem Lehrbuch. Viele Gottheiten gehörten zunächst zu einem bestimmten Ort und wurden dort als Herr oder Herrin der Stadt verehrt: Hathor als „Herrin von Dendera“, Horus als Gott von Edfu. Solche Beinamen zeigen, wie eng Gott und Ort verbunden waren. Wurde eine Stadt politisch wichtig, stieg oft auch ihr Gott auf.
Das bekannteste Beispiel ist Amun aus Theben. Als die Herrscher aus Theben kamen, verband man den „Verborgenen“ mit dem sichtbaren Sonnengott Re. Aus beiden wurde Amun-Re, im Neuen Reich der „König der Götter“. Solche Verschmelzungen waren üblich und hoben die einzelnen Götter nicht auf. Amun blieb Amun, Re blieb Re, und trotzdem konnte man beide in einer Gestalt ansprechen.
Auch eine einheitliche Götterfamilie gab es nicht. In Heliopolis erzählte man von einer Neunheit um den Schöpfergott Atum, zu der Osiris, Isis, Seth und Nephthys gehörten. In Theben bildeten Amun, Mut und Chons eine Familie, in Memphis Ptah und Sechmet mit ihrem Sohn Nefertem. Die Schöpfung schrieb man je nach Ort Atum, Ptah oder Chnum zu. Diese Fassungen standen nebeneinander und galten nicht als Widerspruch.
Die Tiergestalt ist Bildsprache, keine Beschreibung. Ein Falkenkopf, die Hörner einer Kuh oder der Kopf einer Löwin machen eine Eigenschaft sichtbar und helfen, die Gottheit zu erkennen. Dieselbe Gottheit konnte als Mensch, als Tier oder als Mischgestalt auftreten. Umgekehrt nutzten mehrere Götter dasselbe Bild: Einen Falkenkopf tragen nicht nur Horus und Re, sondern zum Beispiel auch Month und Sokar. Deshalb kommt es auf die Kombination an: Kopf, Krone und das, was die Figur in der Hand hält.
Ägyptische Götter im Überblick: Aufgaben, Symbole und Kultorte
Die Tabelle fasst die wichtigsten Merkmale zusammen. Die Erkennungszeichen beschreiben die häufigste Darstellung, nicht jede belegte Variante. Viele Götter sahen je nach Epoche und Ort anders aus.
| Gottheit | Zuständigkeit | Erkennungszeichen | Wichtiger Kultort |
|---|---|---|---|
| Ra (Re) | Sonne, Schöpfung, Herrscher der Götter | Falkenkopf mit Sonnenscheibe und Uräusschlange | Heliopolis, heute im Nordosten von Kairo |
| Amun | „Der Verborgene“, Reichsgott, als Amun-Re König der Götter | Menschengestalt mit hoher Doppelfederkrone | Karnak in Theben (Luxor) |
| Osiris | Herrscher des Jenseits, Wiedergeburt | Mumiengestalt mit Atef-Krone, Krummstab und Geißel, oft grüne Haut | Abydos |
| Isis | Magie, Schutz, Mutter des Horus | Thronzeichen auf dem Kopf | Philae bei Assuan |
| Horus | Königtum und Himmel, in mehreren Formen verehrt | Falkenkopf mit Doppelkrone, auch als Falke | Edfu |
| Anubis | Gräber, Einbalsamierung, Totengericht | Schwarzer schakalsartiger Canidenkopf, auch liegender Canide auf einem Schrein | Kynopolis in Mittelägypten, Nekropolen wie Saqqara |
| Thot | Schrift, Wissen, Mond, Schreiber der Götter | Ibiskopf mit Schreibpalette, auch als Pavian | Hermopolis (el-Aschmunein) |
| Hathor | Liebe, Musik, Freude, Mütterlichkeit | Kuhhörner mit Sonnenscheibe, Sistrum, auch als Kuh | Dendera |
| Bastet | Schutz, Mütterlichkeit | Katzenkopf mit spitzen Ohren, Sistrum, auch als Katze | Bubastis im Nildelta |
| Sechmet | Gefahr und Heilung, Krankheit, Schutz des Königs | Löwinnenkopf mit Sonnenscheibe und Uräus | Memphis; viele Statuen aus dem Mut-Tempel in Karnak |
| Seth | Wüste, Sturm, Chaos, zugleich Beschützer | Seth-Tier mit gebogener Schnauze und hohen, oben eckigen Ohren | Nubt (Ombos) bei Naqada |
| Nephthys | Trauer, Schutz der Toten, Schwester der Isis | Hieroglyphe ihres Namens (Haus mit Korb) auf dem Kopf | Kaum eigene Tempel bekannt, präsent vor allem im Totenkult |
| Ptah | Schöpfung durch das Wort, Handwerk | Mumiengestalt mit eng anliegender Kappe und Stab aus mehreren Zeichen | Memphis |
| Sobek | Wasser, Fruchtbarkeit, Macht | Krokodilkopf auf Menschenkörper, auch als Krokodil | Fayum, Kom Ombo |
| Maat | Wahrheit, Gerechtigkeit, Weltordnung | Einzelne Straußenfeder auf dem Kopf | Kein großes Hauptheiligtum, aber in fast jedem Tempel als Opfergabe dargestellt |
| Chnum | Schöpfer, formt Menschen auf der Töpferscheibe, Nil | Widderkopf mit waagerecht ausladenden, gewellten Hörnern | Elephantine (Assuan), Esna |
Gut zu wissen
Diese 16 sind eine Auswahl, kein vollständiges Pantheon. Es fehlen zum Beispiel Atum, Mut, Chons, Neith, Bes, Taweret und Aton, die Sonnenscheibe, die Echnaton fast zum alleinigen Gott machte. Einige davon tauchen in den Porträts als Partner oder Verwandte auf.
Verwechslungsgefahr: Diese Götter sehen sich ähnlich
Auf Reliefs ohne lesbare Inschrift ist die Zuordnung manchmal schwierig. Bei diesen vier Paaren lohnt sich ein zweiter Blick.
Isis oder Hathor?
Isis trägt ursprünglich das Thronzeichen auf dem Kopf. Das ist kein Möbelstück als Symbol, sondern die Hieroglyphe, mit der ihr Name geschrieben wird. Hathor trägt Kuhhörner mit Sonnenscheibe und hält oft ein Sistrum, eine Rassel für den Kult. Die Sache hat einen Haken: In späterer Zeit übernimmt Isis häufig ebenfalls Kuhhörner und Sonnenscheibe. Dann hilft nur die Beischrift oder der Zusammenhang, etwa Isis mit dem Horuskind auf dem Schoß.
Ra oder Horus?
Beide haben einen Falkenkopf. Ra erkennst du an der großen Sonnenscheibe mit Uräusschlange, Horus an der Doppelkrone von Ober- und Unterägypten. Verwirrend ist Re-Harachte, „Re, Horus des Horizonts“: eine Verbindung beider Götter, meist als Falkenköpfiger mit Sonnenscheibe dargestellt. Wer diese Figur sieht, schaut also im Grunde auf den Sonnengott.
Bastet oder Sechmet?
Achte auf die Ohren. Bastet hat spitze Katzenohren und wirkt ruhig, Sechmet hat den Kopf einer Löwin mit runden Ohren und Mähnenansatz, dazu meist Sonnenscheibe und Uräus. Bastet galt als freundliches Gegenstück zur gefährlichen Löwengöttin. In früher Zeit erscheint aber auch Bastet mit Löwinnenkopf, die Grenze ist also nicht immer scharf.
Anubis oder Seth?
Anubis hat einen schwarzen, hundeartigen Kopf mit langen, spitz aufgerichteten Ohren und gerader Schnauze. Das Seth-Tier dagegen hat eine lange, nach unten gebogene Schnauze und Ohren, die oben gerade abschließen. Welches reale Tier gemeint war, ist ungeklärt; viele Fachleute halten es für ein Fabelwesen. Seth ist deshalb kein „böser Anubis“, sondern ein eigener, zwiespältiger Gott.

Namen und Schreibvarianten: Re oder Ra, Thot oder Thoth
Die alten Ägypter schrieben keine Vokale. Wie die Namen genau klangen, ist deshalb oft unsicher, und jede Sprache hat ihre eigene Umschrift. Viele bekannte Namen sind außerdem griechische Formen. Diese Varianten meinen jeweils dieselbe Gottheit:
- Re und Ra: Re ist in der deutschen Fachliteratur üblich, Ra im Englischen und im allgemeinen Sprachgebrauch. Beides führt hier zur Seite über Ra.
- Sechmet, Sachmet und Sekhmet: Das deutsche „ch“ entspricht dem englischen „kh“.
- Chnum und Khnum: dieselbe Regel.
- Thot und Thoth: Thoth ist die englische und ältere deutsche Schreibung.
- Nephthys und Nebet-Het: Nephthys ist griechisch, Nebet-Het der ägyptische Name, sinngemäß „Herrin des Hauses“. Genau diese Zeichen trägt sie auf dem Kopf.
- Isis und Osiris sind ebenfalls griechische Formen. Ägyptisch hießen sie etwa Iset (Aset) und Usir (Wesir).
Wie die Schrift funktioniert und warum ein Name auf einer Krone stehen kann, erklärt der Artikel über Hieroglyphen.
Wo du ägyptischen Göttern heute begegnest
Die meisten großen Göttertempel liegen im Niltal. In Luxor ist Karnak das Zentrum des Amun mit einem Tempel des Chons und eigenen Bezirken für Mut und Month. Dendera mit dem Hathor-Tempel und Abydos, der wichtigste Kultort des Osiris, liegen nördlich davon und werden meist als Tagesausflug von Luxor besucht. Im Süden, Richtung Assuan, folgen Esna mit dem Tempel des Chnum, Edfu mit dem Horus-Tempel und Kom Ombo, das zugleich Sobek und einer Form des Horus geweiht ist. Auf Philae bei Assuan wurde Isis bis ins 5. Jahrhundert n. Chr. verehrt, auf der Insel Elephantine lag der Hauptkultort des Chnum.
Viele dieser Tempel stammen in ihrer heutigen Form aus griechisch-römischer Zeit, obwohl die Kulte deutlich älter sind. Edfu etwa wurde laut ägyptischer Antikenverwaltung 237 bis 57 v. Chr. gebaut. Was du dort siehst, zeigt also die späte Fassung einer langen Tradition.
Anubis, Osiris, Isis und Nephthys begegnen dir außerdem in Gräbern und Totenbüchern, oft gemeinsam in einer Szene. Was hinter Totengericht, Mumifizierung und Grabbeigaben steckt, liest du unter Mumien und Jenseitsvorstellungen. Weitere Themen von den Pharaonen bis zu den Pyramiden findest du im Bereich Kultur und Geschichte.
Häufige Fragen
Wie viele Götter hatten die alten Ägypter?
Eine feste Zahl gibt es nicht. Viele Gottheiten waren nur an einem Ort oder in einer bestimmten Epoche wichtig, manche verschmolzen miteinander, andere trugen mehrere Namen. Je nachdem, ob man lokale Formen und Beinamen mitzählt, kommen Zählungen zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen.
Wer war der höchste Gott im alten Ägypten?
Das hing von Zeit und Ort ab. Der Sonnengott Re galt lange als Herrscher der Götter, im Neuen Reich stand Amun-Re als Reichsgott von Theben an der Spitze. Die Theologie von Memphis wiederum stellte Ptah vor den Sonnengott. Diese Vorstellungen standen nebeneinander, ohne dass eine die anderen ausschließen musste.
Warum haben ägyptische Götter Tierköpfe?
Der Tierkopf ist ein Erkennungszeichen und beschreibt eine Eigenschaft: die Wachsamkeit des Falken, die Kraft der Löwin, das Krokodil als Macht im Wasser. Niemand stellte sich die Götter wörtlich so vor. Dieselbe Gottheit konnte auch ganz als Mensch oder ganz als Tier erscheinen, Thot etwa als Mann mit Ibiskopf, als Ibis oder als Pavian.
Waren Osiris, Isis, Seth und Nephthys wirklich Geschwister?
In der Überlieferung von Heliopolis ja: Dort gehören die vier zur Neunheit, einer Göttergruppe um den Schöpfergott Atum, und Isis ist zugleich Ehefrau des Osiris. Andere Orte hatten eigene Göttergruppen, und zu manchen Verwandtschaften gibt es widersprüchliche Fassungen. Mehr zum Mythos findest du bei Osiris und Isis.
Darf ich in Ägypten Götterfiguren als Souvenir kaufen?
Nachbildungen aus Stein, Holz oder Metall kannst du in Luxor, Assuan oder Kairo überall kaufen. Echte Antiken dürfen dagegen nicht ausgeführt werden. Lass dir beim Kauf im Zweifel eine Quittung geben, aus der hervorgeht, dass es sich um eine Replik handelt. Details stehen unter Zoll und Souvenirs.
Quellen und Stand
Stand: Oktober 2026. Angaben zu Preisen, Öffnungszeiten und Regeln können sich ändern. Prüfe sie vor der Reise bei der jeweiligen Stelle.
- The Metropolitan Museum of Art: Divine Egypt: Inside the Exhibition (metmuseum.org, geprüft am 21. Oktober 2026)
- UCLA / eScholarship: Dagmar Budde: Epithets, Divine (UCLA Encyclopedia of Egyptology, 2011) (escholarship.org, geprüft am 21. Oktober 2026)
- UCLA / eScholarship: Klaus P. Kuhlmann: Throne (UCLA Encyclopedia of Egyptology, 2011) (escholarship.org, geprüft am 21. Oktober 2026)
- UCLA / eScholarship: Martin A. Stadler: Thoth (UCLA Encyclopedia of Egyptology, 2012) (escholarship.org, geprüft am 21. Oktober 2026)
- UCLA / eScholarship: Holger Kockelmann: Philae (UCLA Encyclopedia of Egyptology, 2012) (escholarship.org, geprüft am 21. Oktober 2026)
- UCLA / eScholarship: Jochen Hallof: Esna (UCLA Encyclopedia of Egyptology, 2011) (escholarship.org, geprüft am 21. Oktober 2026)
- The British Museum: Statue of the goddess Sekhmet (EA84) (britishmuseum.org, geprüft am 21. Oktober 2026)
- The British Museum: The Gayer-Anderson cat (britishmuseum.org, geprüft am 21. Oktober 2026)
- The British Museum: Book of the Dead of Hunefer, frame 3 (EA9901,3) (britishmuseum.org, geprüft am 21. Oktober 2026)
- The Metropolitan Museum of Art: Statuette of Osiris (Late Period to Ptolemaic Period) (metmuseum.org, geprüft am 21. Oktober 2026)
- The Metropolitan Museum of Art: Head of a Statue of the God Sobek Shedeti (metmuseum.org, geprüft am 21. Oktober 2026)
- Brooklyn Museum: Figure of the Goddess Nephthys (brooklynmuseum.org, geprüft am 21. Oktober 2026)
- Ministry of Tourism and Antiquities, Egypt (egymonuments.gov.eg): Karnak; Edfu Temple; Kom Ombo Temple; Temple of Dendera (egymonuments.gov.eg, geprüft am 21. Oktober 2026)
- Digital Egypt, University College London: Naqada (Nubt): the Seth temple (ucl.ac.uk, geprüft am 21. Oktober 2026)
- The Pennsylvania Gazette, University of Pennsylvania: Excavating the Cult Center of the Netherworld (Abydos) (thepenngazette.com, geprüft am 21. Oktober 2026)
Über den Autor: Oliver Misch
Herausgeber von AEGYPT
Oliver kennt Ägypten von vielen Reisen und Ausflügen, vor allem rund um das Rote Meer. Für AEGYPT recherchiert er jede Seite anhand amtlicher und fachlicher Quellen und nennt sie offen. Mehr über Oliver · So arbeiten wir

















