Wenn auf einer Tempelwand jemand mit Schreibbinse und Palette steht und Notizen macht, ist es meistens Thot. Er war der Fachmann der ägyptischen Götterwelt: für Schrift und Rechnen, für den Mond und den Kalender, für Protokolle und Zaubersprüche. Das Porträt oben zeigt ihn in seiner häufigsten Form, als Mann mit dem Kopf eines Ibis. Mindestens genauso oft erscheint er aber als Pavian.
| Merkmal | Angabe |
|---|---|
| Name | Thot (deutsch), ägyptisch Djehuti |
| Varianten | Ḏḥwtj (Fachumschrift), Thoth (englisch und ältere deutsche Schreibung), griechisch gleichgesetzt mit Hermes, später Hermes Trismegistos |
| Zuständigkeit | Schrift und Schreiber, Wissen und Rechnen, Mond und Zeitrechnung, Protokoll beim Totengericht, Vermittler und Richter unter den Göttern, Heilzauber |
| Erkennungsmerkmale | Mann mit Ibiskopf, oft mit Schreibbinse und Palette; als Ibis auf einer Standarte; als hockender Pavian mit Mondscheibe und Mondsichel |
| Wichtige Kultorte | Hermopolis Magna (Chemenu, heute el-Aschmunein) mit der Nekropole Tuna el-Gebel, Hermopolis Parva im Delta, Qasr el-Aguz in Theben-West |
| Verwandte Gottheiten | Maat, Seschat, Nehmetaui, Re, Horus, Isis, Osiris, Anubis |

Djehuti, Thoth, Hermes: Name und Herkunft
Ägyptisch hieß der Gott Djehuti, daraus machten die Griechen Thoth. Woher der Name kommt, lässt sich laut dem Ägyptologen Martin Stadler nicht befriedigend erklären, vermutlich weil er älter ist als die ersten schriftlichen Quellen. Sicher ist: Thot ist seit der Frühzeit da. Auf Schminkpaletten aus der Zeit der Reichseinigung (um 3100 v. Chr., ungefähre Datierung) begleiten Standarten den König, eine davon trägt sehr wahrscheinlich den Ibis des Thot. Die älteste bekannte Darstellung als Mann mit Ibiskopf stammt wohl aus der Zeit des Cheops, ein Felsrelief im Wadi Maghara auf dem Sinai, allerdings ohne Namensbeischrift.
Woher er selbst kam, darüber gehen die Überlieferungen weit auseinander. Manche Texte lassen ihn aus sich selbst entstehen, andere nennen verschiedene Göttinnen als Mutter, wieder andere lassen ihn aus dem Kopf des Seth hervorgehen. Stadler sieht im hohen Alter des Gottes einen Grund dafür.
Wichtiger als die Herkunft sind seine Beinamen. Thot ist der „Herr von Hermopolis“ und der „Herr der Gottesworte“. Gottesworte, ägyptisch medu netjer, nannten die Ägypter ihre Hieroglyphen. Wie diese Schrift aufgebaut ist, erklärt der Artikel über Hieroglyphen.
Ibis und Pavian: Thots zwei Tiergestalten
Der Ibis ist der Heilige Ibis, ein weißer Watvogel mit schwarzem Kopf, schwarzem Hals und langem, gebogenem Schnabel. Er kam jedes Jahr zu Beginn der Nilflut nach Ägypten, um zu brüten, und galt deshalb als Vorbote der Überschwemmung. In den Pyramidentexten wird der Name des Gottes mit einem Ibis auf einer Standarte geschrieben, und das Ibiskopf-Bild mit Schreibzeug ist die Form, die du in Tempeln und Totenbüchern am häufigsten siehst.
Der Pavian ist die zweite Gestalt. Meist hockt er ruhig, die Hände auf den Knien, oft mit Mondscheibe und Mondsichel auf dem Kopf. Kleine Pavianfiguren dieser Art besitzt etwa das British Museum. Ob sie in Tempeln, Gräbern oder bei Schreibern zu Hause standen, ist laut Museum offen. Vorsicht: Nicht jeder Pavian ist Thot. Paviane, die mit erhobenen Armen die aufgehende Sonne grüßen, stehen in vielen Fällen für andere Götter oder allgemein für die Verehrung der Sonne.
Gott der Schrift und des Wissens: was Thot tat
Schreiber der Götter
Im Mittelpunkt steht die Schrift. Reliefs des Neuen Reichs, etwa im Ramesseum, zeigen Thot, wie er den Namen des Königs auf die Blätter des heiligen Ischedbaums schreibt und ihm so eine lange Regierung zuweist, oft gemeinsam mit Seschat, der Göttin der Schreibkunst. Für die ägyptischen Schreiber war er der Patron ihres Berufs.
Mond und Zeitrechnung
Thot ist auch ein Mondgott. Der Mond, der abnimmt und sich wieder erneuert, eignete sich zum Zählen der Zeit, und ein Mondmonat dauert knapp 30 Tage. Plutarch erzählt um 100 n. Chr. eine griechische Fassung dazu: Hermes, also Thot, gewinnt beim Brettspiel gegen den Mond so viel Licht, dass daraus fünf zusätzliche Tage entstehen. Sie ergänzen das Jahr von 360 auf 365 Tage, und an ihnen werden Osiris, Isis und ihre Geschwister geboren. Bis heute heißt der erste Monat des koptischen Kalenders Tut, nach Thot.
Wesir, Richter und Protokollführer
Im Mythos von der Himmelskuh setzt der alternde Sonnengott Re Thot als seinen Stellvertreter ein, deshalb steht der Mond für die Sonne der Nacht. Manche Texte nennen Thot den obersten Richter. Am bekanntesten ist seine Rolle beim Totengericht: Während Anubis die Waage prüft, auf der das Herz gegen die Feder der Maat gewogen wird, schreibt Thot das Ergebnis auf. Mehr dazu unter Mumien und Jenseitsvorstellungen.
Heiler und Zauberer
Thot kennt die richtigen Worte, und Worte hatten in Ägypten Macht. Er heilt das verletzte Auge des Horus und rettet das gestochene Horuskind, als Isis in den Sümpfen um Hilfe ruft. Im Balsamierungsritual spricht er die Sprüche, als eine Art Vorlesepriester.
Schlichter und Bote: Thot in den Mythen
In den Erzählungen ist Thot selten der Held, aber fast immer der, der die Lage klärt. Im Streit zwischen Horus und Seth um den Thron des Osiris tritt er in den meisten Quellen als Rechtsexperte auf, in der langen Fassung des Neuen Reichs führt er die Schreiben der Götter.
Im Mythos von der fernen Göttin hat sich das Sonnenauge, die Tochter des Sonnengottes, im Zorn nach Nubien zurückgezogen. Thot reist ihr nach, besänftigt sie mit Geschichten und bringt sie zurück. Die ausführlichste Fassung ist ein demotischer Papyrus aus griechisch-römischer Zeit, in dem Thot als kleiner Pavian auftritt.
Wie diese Erzählungen ins ägyptische Weltbild passen, liest du unter Religion und Mythologie im alten Ägypten.
Von Thot zu Hermes Trismegistos
Die Griechen setzten Thot mit Hermes gleich, deshalb heißt seine Stadt Hermopolis. Der Philosoph Platon lässt in seinem Dialog „Phaidros“ den Gott Theuth die Zahlen, das Rechnen, die Geometrie, die Astronomie, Brett- und Würfelspiele und vor allem die Buchstaben erfinden. Als Theuth die Schrift einem ägyptischen König als Mittel für ein besseres Gedächtnis anpreist, widerspricht der König: Die Schrift werde die Menschen vergesslich machen, weil sie sich auf das Geschriebene verlassen. Das ist eine griechische Geschichte über Ägypten, kein ägyptischer Mythos.
In römischer Zeit wurde aus Thot Hermes Trismegistos, der „dreimal Größte“. Der Beiname geht wohl auf ägyptische Ehrentitel zurück, die Thot als „zweimal groß“ oder „dreimal groß“ priesen. Unter seinem Namen entstanden griechische Schriften über Philosophie, Astrologie und Alchemie, die in der Renaissance in Europa begeistert gelesen wurden. Sie sind spätantike Texte und keine verschlüsselte Weisheit der Pharaonen.
Hermopolis und Tuna el-Gebel: Thots Heimat
Das Hauptkultzentrum war Chemenu, griechisch Hermopolis Magna, heute el-Aschmunein in Mittelägypten. Der ägyptische Name bedeutet „Achtstadt“ und bezieht sich auf eine Gruppe von acht Urgöttern, die dort verehrt wurde. Vom großen Thot-Tempel ist wenig erhalten. Laut Stadler erweiterte ihn Nektanebos I. im 4. Jahrhundert v. Chr. auf etwa 110 mal 55 Meter, und noch die Expedition Napoleons sah Ende des 18. Jahrhunderts eine Vorhalle, die später verschwand.
Einige Kilometer westlich liegt die Nekropole Tuna el-Gebel mit dem Grab des Petosiris, eines Hohepriesters des Thot im 4. Jahrhundert v. Chr. Darunter ziehen sich Katakomben für heilige Tiere. Eine 2019 veröffentlichte Studie schätzt, dass in Tuna el-Gebel rund vier Millionen Ibisse bestattet wurden, in Saqqara rund 1,75 Millionen. Die meisten waren Gaben von Pilgern an Thot, der Höhepunkt lag etwa zwischen 450 und 250 v. Chr. Erbgutanalysen deuten darauf hin, dass viele Vögel in freier Wildbahn gefangen und nur kurz gehalten wurden, nicht in großen Zuchtfarmen.
Wo du Thot heute sehen kannst
- British Museum, London: Im Totenbuch des Hunefer (EA 9901,3) steht Thot mit Ibiskopf, Binse und Palette neben der Waage und notiert das Urteil. Laut Sammlungsdatenbank in Raum 62 ausgestellt (Stand: Oktober 2026).
- Tempel im Niltal: In Edfu, Kom Ombo, Philae und Karnak taucht Thot immer wieder in Reliefs auf, häufig zusammen mit Horus, wenn beide den König mit Wasser reinigen. Wie du die Tempel besuchst, steht bei Luxor und Assuan.
- El-Aschmunein und Tuna el-Gebel in der Provinz Minia: Tempelreste, Grab des Petosiris und Tierkatakomben. Die Orte liegen abseits der üblichen Routen. Ob und wie ein Besuch möglich ist, prüfst du vorher beim Anbieter und anhand der Hinweise unter Reisewarnungen und Sicherheit.
- Metropolitan Museum, New York: eine lebensgroße Ibis-Figur mit Bronzekopf, wohl als Gabe für einen Ibisfriedhof gefertigt, in Galerie 134, und die Metternich-Stele mit Thot an der Seite des Horuskindes in Galerie 128 (Stand: Oktober 2026).
Verwandte Gottheiten und Verwechslungsgefahr
- Maat: Maßstab von Wahrheit und Ordnung, den Thot beim Totengericht festhält.
- Seschat: Göttin der Schreibkunst und des Messens, mit einem siebenstrahligen Stern über dem Kopf; oft an Thots Seite.
- Anubis: Partner an der Waage, teils auch Konkurrent als Balsamierer.
- Horus: Thot heilt sein Auge und steht ihm vor dem Göttergericht bei.
- Chons: ebenfalls ein Mondgott, aber meist als junger Mann mit Seitenlocke oder mit Falkenkopf und Mondsichel dargestellt, nicht als Ibis.
- Hermes: der griechische Götterbote, mit dem Thot gleichgesetzt wurde, aber kein ägyptischer Gott.
Alle 16 Gottheiten mit einheitlichen Steckbriefen findest du im Überblick Ägyptische Götter.
Häufige Fragen
Hat Thot nach ägyptischem Glauben die Hieroglyphen erfunden?
Die Ägypter nannten ihre Schrift „Gottesworte“ und verbanden sie eng mit Thot, dem „Herrn der Gottesworte“. Ausdrücklich als Erfinder der Buchstaben beschreibt ihn vor allem der griechische Philosoph Platon. Wie die Schrift tatsächlich entstand und funktioniert, erklärt die Seite über Hieroglyphen.
Ist jeder Pavian auf ägyptischen Reliefs Thot?
Nein. Paviane, die mit erhobenen Armen die aufgehende Sonne begrüßen, stehen für eine Gruppe von Urgöttern oder allgemein für die Verehrung der Sonne. Thot ist meist der ruhig hockende Pavian mit den Händen auf den Knien, oft mit Mondscheibe und Mondsichel auf dem Kopf.
Was ist das Buch des Thot?
Unter diesem Namen ist ein demotischer Text aus griechisch-römischer Zeit bekannt, ein Dialog über Wissen und Schreiberkunst. Mit dem „Buch Thoth“ der Esoterik hat er nichts zu tun: Die Idee, das Tarot sei ein ägyptisches Buch des Thot, kam erst 1781 in Frankreich auf, das bekannte Thoth-Tarot von Aleister Crowley stammt aus dem 20. Jahrhundert.
Hatte Thot eine Frau?
In Hermopolis stand ihm die Göttin Nehmetaui zur Seite. Eng verbunden war er außerdem mit Seschat, der Göttin der Schreibkunst, und mit Maat, der Weltordnung. Eine feste Götterfamilie wie bei Osiris und Isis gab es für Thot aber nicht.
Kann ich Hermopolis und Tuna el-Gebel besuchen?
Beide liegen in der Provinz Minia in Mittelägypten, abseits der üblichen Reiserouten. Besuche sind meist nur mit organisierter Tour oder eigenem Fahrer möglich. Prüfe vorher die Hinweise des Auswärtigen Amts für die Region, eine Einordnung findest du unter Reisewarnungen und Sicherheit.
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Quellen und Stand
Stand: Oktober 2026. Angaben zu Preisen, Öffnungszeiten und Regeln können sich ändern. Prüfe sie vor der Reise bei der jeweiligen Stelle.
- UCLA / eScholarship: Martin A. Stadler: Thoth (UCLA Encyclopedia of Egyptology, 2012) (escholarship.org, geprüft am 21. Oktober 2026)
- The British Museum: Book of the Dead of Hunefer, frame 3 (EA9901,3) (britishmuseum.org, geprüft am 21. Oktober 2026)
- Deutsche Bibelgesellschaft: Peter Riede: Ibis (WiBiLex, Das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet) (die-bibel.de, geprüft am 21. Oktober 2026)
- The British Museum: Figure of a baboon representing Thoth (EA35401) (britishmuseum.org, geprüft am 21. Oktober 2026)
- The Metropolitan Museum of Art: Ibis (Late Period to Ptolemaic Period, Galerie 134) (metmuseum.org, geprüft am 21. Oktober 2026)
- The Metropolitan Museum of Art: Magical Stela with Horus the Child (Metternich-Stele, 50.85) (metmuseum.org, geprüft am 21. Oktober 2026)
- PLOS ONE: Wasef et al.: Mitogenomic diversity in Sacred Ibis Mummies sheds light on early Egyptian practices (PLOS ONE 14/11, 2019) (journals.plos.org, geprüft am 21. Oktober 2026)
- Department of Near Eastern Studies, Johns Hopkins University: The Ancient Egyptian Book of Thoth (Jasnow/Zauzich 2005) (neareast.jhu.edu, geprüft am 21. Oktober 2026)
- The Morgan Library & Museum: Tarot: Court de Gébelin und das „Buch des Thot“ (Le Monde primitif, Bd. 8, 1781) (themorgan.org, geprüft am 21. Oktober 2026)
- Perseus Digital Library, Tufts University: Platon, Phaidros 274c bis 275b (engl. Übersetzung H. N. Fowler) (perseus.tufts.edu, geprüft am 21. Oktober 2026)
- LacusCurtius, University of Chicago: Plutarch, De Iside et Osiride, Kap. 12 (engl. Übersetzung, Loeb 1936) (penelope.uchicago.edu, geprüft am 21. Oktober 2026)
- Ahram Online: Egypt's Ministry of Antiquities celebrates New Coptic Year (13.09.2014) (english.ahram.org.eg, geprüft am 21. Oktober 2026)
Über den Autor: Oliver Misch
Herausgeber von AEGYPT
Oliver kennt Ägypten von vielen Reisen und Ausflügen, vor allem rund um das Rote Meer. Für AEGYPT recherchiert er jede Seite anhand amtlicher und fachlicher Quellen und nennt sie offen. Mehr über Oliver · So arbeiten wir


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