Kaum eine ägyptische Gottheit erkennst du so schnell wieder wie Anubis: ein menschlicher Körper mit dem schwarzen Kopf eines Caniden, also eines hundeartigen Tiers, die Ohren lang und spitz aufgestellt. Er ist weder Osiris noch ein vergöttlichter Pharao, sondern Wächter und Betreuer der Toten. Wo du antike Darstellungen von ihm im Original sehen kannst, steht weiter unten mit Museum und Fundort.
| Merkmal | Angabe |
|---|---|
| Name | Anubis (griechisch), ägyptisch Inpu bzw. Anpu |
| Varianten | Jnpw (Fachumschrift), Anup (koptisch), Hermanubis (griechisch-römische Mischform) |
| Zuständigkeit | Schutz der Gräber und Friedhöfe, Einbalsamierung, Begleitung der Toten, Prüfung an der Waage im Totengericht |
| Erkennungsmerkmale | Schwarzer, schakalsartiger Canidenkopf mit langen aufrechten Ohren auf Menschenkörper oder liegender schwarzer Canide auf einem Schrein |
| Wichtige Kultorte | 17. oberägyptischer Gau mit Hardai/Kynopolis (wohl bei el-Qeis), Saqqara-Nord, Anubis-Kapelle in Deir el-Bahari, Nekropolen im ganzen Land |
| Verwandte Gottheiten | Osiris, Nephthys, Isis, Thot, Maat, Wepwawet, Chontamenti |

Inpu, Anpu, Anubis: Name und Beinamen
Anubis ist die griechische Form des Namens. Ägyptisch hieß der Gott Inpu oder Anpu (Fachumschrift Jnpw), koptisch Anup. Die Bedeutung ist nicht geklärt; diskutiert werden „Jungtier“, „Hündchen“ oder schlicht ein Wort für den Caniden selbst. Aufschlussreicher sind die Beinamen:
- Tepi-djuef, „der auf seinem Berg“: Er wacht von der Anhöhe über die Gräber am Wüstenrand.
- Chenti-seh-netjer, „der vor dem Gotteszelt“, also vor dem Zelt, in dem balsamiert wurde. Der Titel steht schon in Opferformeln des Alten Reichs. Auf einem Opferbecken aus Gizeh (5. Dynastie) heißt es sinngemäß: „Ein Opfer, das der König und Anubis, der vor dem Gotteszelt ist, geben: ein Begräbnis im westlichen Friedhof.“
- Imiut, meist gedeutet als „der in der Balsamierungsstätte“.
- Neb-ta-djeser, „Herr des heiligen Landes“, gemeint ist die Nekropole.
Vorsicht bei Chontamenti (Chentiamentiu), „Erster der Westlichen“. Gemeint sind die Toten, weil viele Friedhöfe am Westufer lagen. Chontamenti war in Abydos ein Totengott in Caniden-Gestalt; ob der Name ursprünglich Anubis bezeichnete, ist in der Forschung umstritten. Spätestens ab der Ersten Zwischenzeit gehört der Titel vor allem zu Osiris. Steht „Chontamenti“ auf einer Stele, ist also meist Osiris gemeint.
Was der Gott Anubis tat: Gräber, Balsamierung, Totengericht
Wächter der Gräber
Die älteste Rolle ist die des Wächters. Schon aus der Frühzeit gibt es Bilder eines liegenden Caniden, sehr wahrscheinlich Anubis, der über die Nekropole wacht. Ein alter Beiname lautet „der auf seinem Bauch“: aufmerksam liegend, mit erhobenem Kopf, wie ein Hund vor der Tür.
Herr der Einbalsamierung
Der Überlieferung nach balsamierte Anubis den Körper des Osiris und schuf damit die erste Mumie; jede spätere Mumifizierung wiederholte diese Handlung. Er reinigt den Toten, stellt die Unversehrtheit des Körpers wieder her und ist mit der Mundöffnung verbunden, die der Mumie ihre Sinne zurückgeben sollte. Wie das praktisch ablief, liest du unter Mumien und Jenseitsvorstellungen.
An der Waage im Totengericht
In den Bildern des Totenbuchs führt Anubis den Verstorbenen zur Waage, auf der das Herz gegen die Feder der Maat gewogen wird, das Zeichen für Wahrheit und rechte Ordnung. Oft kniet er daneben und prüft das Lot. Thot notiert das Ergebnis, unter der Waage lauert die Fresserin Ammit. Das letzte Wort hat nicht Anubis: Im Totenbuch des Hunefer führt Horus den gerechtfertigten Toten danach zu Osiris, der als Herrscher des Jenseits thront. Ob Anubis selbst auch als Richter galt, ist offen.
Begleiter der Toten
Anubis empfängt und geleitet die Verstorbenen. Die Griechen sahen darin später ihren Hermes Psychopompos, den „Seelenführer“. Der Begriff ist griechisch, die Vorstellung eines schützenden Begleiters der Toten war aber schon ägyptisch.
Schwarzer Canidenkopf: So erkennst du Anubis
Die ältere Form ist der liegende schwarze Canide, oft auf einem Schrein. Daneben steht der Mensch mit Canidenkopf, langen Ohren und schmaler Schnauze, meist mit Schurz und Halskragen. Diese Mischgestalt wird vor allem im Neuen Reich üblich.
Schakal, Hund oder Goldwolf?
Traditionell heißt Anubis „schakalköpfig“, doch welches Tier gemeint war, ist eine offene Forschungsfrage. Die Bilder sind stilisiert, griechische Autoren sprachen von einem Hund. Dazu kommt die Zoologie: Genetische Studien, 2015 in der Fachzeitschrift Current Biology veröffentlicht, zeigten, dass der afrikanische „Goldschakal“ eine eigene Art ist, heute Afrikanischer Goldwolf genannt. Die Caniden an den Wüstenfriedhöfen gehörten also wohl zu dieser Art. Eine verbreitete Erklärung: Gerade diese Tiere sah man an den Gräbern, und der Gott verwandelte sie in Beschützer. Wir sprechen deshalb von einem schakalsartigen Canidenkopf.
Warum Anubis schwarz ist
In der Natur sind diese Tiere sandfarben bis graubraun, das Schwarz ist eine bewusste Wahl. Verbreitet sind zwei Deutungen: die Farbe des fruchtbaren Nilschlamms, also Erneuerung und Wiedergeburt, und die dunkle Färbung des Körpers nach der Behandlung mit Natron. Das Fachlexikon WiBiLex gibt zu bedenken, dass die ungewöhnliche Farbe vor allem das Göttliche des Tiers markieren könnte und der Bezug zum Totenkult weniger sicher ist.

Anubis im Osiris-Mythos und die Frage nach seinen Eltern
Im bekanntesten Mythos ist Anubis Helfer: Nachdem Seth Osiris getötet und zerstückelt hatte, sammelten Isis und Nephthys die Teile, und Anubis balsamierte den Körper. In den Ritualen leitet er auch die Stundenwachen, in denen Osiris Stunde um Stunde beklagt und beschützt wird. Eine zusammenhängende Erzählung haben die Ägypter dazu nicht hinterlassen; die Motive verteilen sich über Totentexte, Rituale und späte Nacherzählungen. Mehr dazu unter Religion und Mythologie im alten Ägypten.
Zur Abstammung widersprechen sich die Überlieferungen:
- Beim griechischen Autor Plutarch (um 100 n. Chr.) ist Anubis der Sohn von Osiris und Nephthys. Osiris habe Nephthys für Isis gehalten, Nephthys das Kind aus Angst vor Seth ausgesetzt, und Isis habe es mithilfe von Hunden gefunden und aufgezogen.
- Ägyptische Texte nennen ebenfalls Osiris als Vater, daneben möglicherweise den Sonnengott Re.
- Als Mutter erscheinen außer Nephthys auch Isis, die Kuhgöttin Hesat und die Katzengöttin Bastet.
Die Forschung liest das als Hinweis, dass Anubis ursprünglich eigenständig war und erst nach und nach in die Familie des Osiris eingeordnet wurde.
Kultorte: Kynopolis, Saqqara und die Nekropolen
Das Hauptkultgebiet war der 17. oberägyptische Gau in Mittelägypten. Sein Hauptort hieß unter anderem Hardai, griechisch Kynopolis („Hundestadt“), und lag sehr wahrscheinlich unter den Siedlungshügeln des heutigen Dorfes el-Qeis (al-Qays). Die nahe Nekropole von el-Sheikh Fadl diente auch als Tierfriedhof, vor allem für Caniden. Als Reiseziel spielt die überbaute Stätte keine Rolle.
Ansonsten war Anubis überall dort zu Hause, wo bestattet wurde. In Saqqara-Nord, nordöstlich der Stufenpyramide, liegen die sogenannten Anubis-Katakomben. Ein Team der Universität Cardiff schätzt, dass dort von der Spätzeit bis in die Römerzeit bis zu acht Millionen Tiere bestattet wurden, überwiegend Hunde, gestiftet von Pilgern als Gabe an den Gott.
In Theben kannst du einen Kultort besuchen: die Anubis-Kapelle im Totentempel der Hatschepsut in Deir el-Bahari, am nördlichen Ende der mittleren Terrasse. Ein Relief zeigt Anubis thronend vor einem Opferstapel aus acht Lagen, ein Teil der Farben ist erhalten.
Vom Herrn der Toten zum Helfer des Osiris
In den Pyramidentexten des Alten Reichs ist Anubis zentral im Totenritual und wird als Herrscher über die Toten angesprochen. Im späten Alten Reich und in der Ersten Zwischenzeit wächst die Bedeutung des Osiris, und spätestens im Mittleren Reich (ungefähr ab 2000 v. Chr., je nach Quelle) hat Osiris diese Herrschaft übernommen. Anubis bleibt wichtig, nun als Balsamierer, Wächter und Helfer an der Seite des Osiris. In dieser Rolle begegnet er dir in den meisten Gräbern.
In griechisch-römischer Zeit setzten Griechen ihn mit Hermes gleich, dem Götterboten und Seelengeleiter. So entsteht Hermanubis, teils als jugendlicher Gott in Menschengestalt, teils mit Hundekopf. Mit den Kulten von Isis und Serapis verbreitete sich Anubis im römischen Mittelmeerraum.
Wo du Anubis heute sehen kannst
- Anubis-Schrein des Tutanchamun, Grand Egyptian Museum bei Gizeh: Ein schwarz-goldener liegender Anubis auf einer Truhe in Form eines Tempeltors, mit Schlitten und Tragestangen. Im Grab stand er am Eingang zur Schatzkammer. Das Stück ist vom Ägyptischen Museum am Tahrir-Platz umgezogen und gehört laut Museum zu den Tutanchamun-Galerien (Stand: Oktober 2026).
- Tal der Könige: In den Königsgräbern taucht Anubis in Wandbildern und Texten immer wieder auf. Das Grab des Tutanchamun (KV62) liegt dort, der Schrein aber nicht mehr.
- Deir el-Bahari und Deir el-Medina bei Luxor: die Anubis-Kapelle im Hatschepsut-Tempel und das Grab des Sennedjem (TT1), in dem sich Anubis über die Mumie beugt. Welche Räume und Gräber geöffnet sind, wechselt; das prüfst du am besten vor Ort.
- British Museum, London: das Totenbuch des Hunefer (EA 9901,3), in dem Anubis den Toten zur Waage führt und das Lot prüft. Laut Sammlungsdatenbank in Raum 62 ausgestellt (Stand: Oktober 2026).

Verwandte Gottheiten und Verwechslungsgefahr
- Osiris: Herrscher des Jenseits; Anubis balsamiert und bewacht ihn, ist aber ein eigener Gott.
- Nephthys und Isis: in späten Fassungen Mutter und Ziehmutter, beide Schützerinnen der Toten.
- Thot und Maat: an derselben Waage, Thot als Schreiber, Maat als Maßstab.
- Wepwawet (Upuaut): ebenfalls in Canidengestalt, geleitet Osiris und die Toten. Ohne Inschrift ist bei manchen Figuren nicht sicher, wer gemeint ist.
- Duamutef: einer der vier Horussöhne mit Canidenkopf, Schutzgott eines Kanopenkrugs, nicht Anubis.
Alle 16 Gottheiten mit einheitlichen Steckbriefen findest du im Überblick Ägyptische Götter.
Häufige Fragen
War Anubis ein böser Gott oder ein Todesgott?
Nein. Anubis brachte nicht den Tod, er kümmerte sich um die Toten: Er bewachte die Gräber, stand für die Balsamierung und begleitete die Verstorbenen zum Gericht. In ägyptischen Quellen ist er ein schützender Gott. Das Bild vom unheimlichen Totengott stammt eher aus moderner Popkultur.
Welches Tier ist Anubis: Schakal, Hund oder Wolf?
Das ist nicht abschließend geklärt. Die Ägypter zeigten einen stilisierten Caniden, griechische Autoren sprachen von einem Hund, und der afrikanische Goldschakal wird seit genetischen Studien von 2015 als eigene Art geführt, der Afrikanische Goldwolf. Am genauesten ist deshalb die Bezeichnung schakalsartiger Canide.
Was ist der Unterschied zwischen Anubis und Osiris?
Osiris ist der Herrscher des Jenseits, vor dessen Thron der Verstorbene nach dem Totengericht tritt. Anubis bereitet den Körper vor, bewacht das Grab und führt den Toten zur Waage. Im Mythos balsamiert Anubis den toten Osiris, die beiden sind also eng verbunden, aber verschiedene Götter. Mehr dazu auf der Seite über Osiris.
Wer sind die Eltern von Anubis?
Dafür gibt es mehrere Überlieferungen. Die bekannteste stammt aus später Zeit und macht ihn zum Sohn von Osiris und Nephthys. Ägyptische Texte nennen daneben unter anderem Re als möglichen Vater sowie Isis, Hesat oder Bastet als Mutter. Keine dieser Fassungen gilt als die einzig richtige.
Kann ich den Anubis-Schrein des Tutanchamun noch im Ägyptischen Museum am Tahrir-Platz sehen?
Nein, der Schrein ist ins Grand Egyptian Museum bei Gizeh umgezogen und gehört dort zu den Tutanchamun-Galerien (Stand: Oktober 2026). Das Ägyptische Museum in Kairo lohnt sich trotzdem, denn es zeigt weiterhin viele Objekte aus anderen Epochen. Prüfe vor dem Besuch, welche Säle gerade geöffnet sind.
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Quellen und Stand
Stand: Oktober 2026. Angaben zu Preisen, Öffnungszeiten und Regeln können sich ändern. Prüfe sie vor der Reise bei der jeweiligen Stelle.
- Deutsche Bibelgesellschaft: Anubis (WiBiLex, Das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet), Autor Holger Kockelmann (die-bibel.de, geprüft am 21. Oktober 2026)
- Grand Egyptian Museum: Anubis on a Chest (Tutankhamun Galleries, GEM Nr. 6) (gem.eg, geprüft am 21. Oktober 2026)
- The British Museum: Book of the Dead of Hunefer, frame 3 (EA9901,3) (britishmuseum.org, geprüft am 21. Oktober 2026)
- The Metropolitan Museum of Art: Figure of a jackal (Third Intermediate Period) (metmuseum.org, geprüft am 21. Oktober 2026)
- Giza Project, Harvard University: Offering basin of Senenu, Giza G 1206 (Dynastie 5) (giza.digitalhumanities.fas.harvard.edu, geprüft am 21. Oktober 2026)
- Institut für Ägyptologie, Universität Wien: Middle Egypt: El-Sheikh Fadl and al-Qays (egyptology.univie.ac.at, geprüft am 21. Oktober 2026)
- Cardiff University: The Catacombs of Anubis (cardiff.ac.uk, geprüft am 21. Oktober 2026)
- Institute of Egyptian Art & Archaeology, University of Memphis: Color Tour: West Bank, Anubis Chapel in Hatshepsut's Temple (memphis.edu, geprüft am 21. Oktober 2026)
- LacusCurtius, University of Chicago: Plutarch, De Iside et Osiride, Kap. 14 (engl. Übersetzung, Loeb 1936) (penelope.uchicago.edu, geprüft am 21. Oktober 2026)
- National Geographic: Meet the First New Canine Found in 150 Years (Bericht über Koepfli et al., Current Biology 2015) (nationalgeographic.com, geprüft am 21. Oktober 2026)
Über den Autor: Oliver Misch
Herausgeber von AEGYPT
Oliver kennt Ägypten von vielen Reisen und Ausflügen, vor allem rund um das Rote Meer. Für AEGYPT recherchiert er jede Seite anhand amtlicher und fachlicher Quellen und nennt sie offen. Mehr über Oliver · So arbeiten wir


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