Wenn in ägyptischen Mythen etwas zu Bruch geht, steckt oft Seth dahinter. Er ermordet Osiris, streitet jahrzehntelang mit Horus um den Thron und steht für alles, was die geordnete Welt bedroht: Wüste, Unwetter, Fremde. Trotzdem verehrten ihn die Ägypter, Könige benannten sich nach ihm, und jede Nacht kämpfte er an vorderster Front für den Sonnengott. Wer Seth verstehen will, braucht beide Seiten.
| Merkmal | Angabe |
|---|---|
| Name | Seth (deutsch), ägyptisch Setech bzw. Sutech |
| Varianten | Set, Setesch, Sutech (Fachumschrift Stẖ bzw. Stš), koptisch Sēt; Beiname Nubti („der von Nubt“); von Griechen mit Typhon gleichgesetzt |
| Zuständigkeit | Wüste und Fremdländer, Sturm und Unwetter, Unordnung und Gewalt; zugleich Stärke, Schutz der Sonnenbarke gegen Apophis und Mitträger des Königtums |
| Erkennungsmerkmale | Seth-Tier mit langer, gebogener Schnauze, hohen, oben gerade abschließenden Ohren und steil aufgerichtetem Schwanz; als Mensch mit diesem Tierkopf, teils mit Doppelkrone |
| Wichtige Kultorte | Nubt (Ombos) bei Naqada, Auaris und Pi-Ramesse im Ostdelta, Sepermeru in Mittelägypten, Oasen der Westwüste |
| Verwandte Gottheiten | Osiris, Isis, Nephthys, Horus, Re; Anat und Astarte; gleichgesetzt mit Baal |

Setech, Sutech, Seth: Name und Beinamen
Der ägyptische Name lautete ursprünglich etwa Setech oder Setesch, später auch Sutech; die Griechen machten daraus Seth. Was er bedeutet, ist unbekannt; ägyptische Deutungen wie „Unruhestifter“ gelten als nachträgliche Volksetymologie. Aussagekräftiger sind die Beinamen:
- Nubti, „der von Nubt“: nach seinem Hauptkultort in Oberägypten, griechisch Ombos.
- „Der mit großer Kraft“: Stärke ist das feste Merkmal des Gottes, im Guten wie im Schlechten.
- „Herr der Fremdländer“: Diesen Rang bekommt Seth vor allem in der Ramessidenzeit, als Ägypten weit nach Vorderasien ausgriff.
Griechische Autoren wie Herodot und Plutarch setzten ihn mit Typhon gleich, dem Ungeheuer ihrer eigenen Mythen.
Wüste, Sturm und Konflikt: Wofür Seth stand
Für die Ägypter bestand die Welt aus dem fruchtbaren Niltal und dem, was dahinter lag. Seth gehörte das Dahinter: die Wüste, die Oasen, die Karawanenwege und die fremden Länder. Dazu kamen Unwetter, Aufruhr und Zorn. Er verkörperte, was die Weltordnung Maat bedrohte. Wichtig dabei: Ein begrenztes Maß an Unordnung galt als notwendig. Seth war deshalb kein Gott, den man bekämpfte, sondern einer, mit dem man sich arrangieren musste.
Beschützer an Bord der Sonnenbarke
Wie nützlich seine Kraft sein konnte, zeigen die Totentexte. Ab den Sargtexten des Mittleren Reichs (ungefähr 2055 bis 1795 v. Chr.) steht Seth am Bug der Barke, in der der Sonnengott Re nachts durch die Unterwelt fährt, und wehrt die Riesenschlange Apophis ab. Der Gott der Unordnung kämpft hier gegen das eigentliche Chaos.
Das Seth-Tier: So erkennst du Seth
Seth erkennst du an seinem eigenen Tier: eine lange, nach unten gebogene Schnauze, schmale Augen, hohe Ohren, die oben gerade abschließen, und ein steil aufgerichteter Schwanz mit quastenartigem Ende. Das Tier taucht schon in der Vorgeschichte auf (Naqada-Zeit, ungefähr 3400 bis 3200 v. Chr.) und ist kurz vor der Reichseinigung auf dem Keulenkopf des Königs Skorpion sicher zu erkennen. Als Schriftzeichen steht es in rund 25 Wörtern, die mit Unordnung und Aufruhr zu tun haben.
Esel, Oryx oder Fabelwesen?
Welches reale Tier gemeint war, ist ungeklärt. Das Brooklyn Museum zählt die Kandidaten auf: Esel, Oryxantilope, Windhund, Kamel, Okapi, Erdferkel, Giraffe, Wildschwein. Keiner überzeugt. Die meisten Fachleute gehen deshalb von einem Fabelwesen aus. Den Esel brachte man trotzdem mit Seth in Verbindung; er konnte das Seth-Tier im Ritual und in der Magie vertreten.
Neben der Tiergestalt gibt es Seth als Mann mit dem Kopf des Seth-Tiers. Manchmal trägt er die Doppelkrone, etwa auf einem vergoldeten Bronzeamulett der Ramessidenzeit aus einem thebanischen Grab im British Museum. In der Ramessidenzeit erscheint er außerdem in der Tracht des syrischen Wettergottes Baal, mit Hörnerkrone und langem, spitzem Bart.
Brudermord und Thronstreit: Seth in den Mythen
Seth steht im Zentrum von zwei großen Überlieferungen. Die Forschung geht davon aus, dass sie ursprünglich getrennte Wurzeln hatten und erst später zusammenwuchsen.
Der Mord an Osiris
Seth tötet seinen Bruder Osiris und zerstückelt den Leichnam. Isis und Nephthys sammeln die Teile, Isis empfängt vom toten Osiris den Sohn Horus und versteckt ihn vor Seth. Eine durchgehende ägyptische Erzählung gibt es dazu nicht, die Motive stammen aus Totentexten und Ritualen. Die bekannteste Nacherzählung schrieb der Grieche Plutarch um 100 n. Chr. Bei ihm lockt Typhon, also Seth, Osiris in eine Truhe und wirft sie in den Nil. Plutarch erzählt auch, Seth sei nicht auf normalem Weg geboren, sondern habe sich durch die Seite seiner Mutter gerissen, und er sei rothaarig gewesen und in der Farbe einem Esel ähnlich.
Der Streit mit Horus um den Thron
In den Pyramidentexten (ungefähr 2300 bis 2150 v. Chr.) streiten Horus und Seth um die Herrschaft. Seth reißt Horus ein Auge aus, Horus verletzt Seth an den Hoden. Nach anderen Überlieferungen vermitteln Götter wie Geb und Thot eine Teilung des Landes, mit der Seth nicht zufrieden ist. Ausführlich und derb erzählt den Streit der Papyrus Chester Beatty I aus dem Arbeiterdorf Deir el-Medina (Ramessidenzeit): Ein Göttergericht tagt achtzig Jahre lang, mit Wettkämpfen, Tricks und peinlichen Episoden. Am Ende bekommt Horus das Königtum, und Seth wird vom Sonnengott aufgenommen, um künftig am Himmel zu donnern. Selbst der Verlierer behält also seinen Platz in der Welt. Mehr zur Gegenseite liest du bei Horus, den religiösen Hintergrund unter Religion und Mythologie im alten Ägypten.
Kultorte: Nubt, Auaris und die Oasen
Seths ältester und wichtigster Kultort war Nubt, griechisch Ombos, beim heutigen Naqada nördlich von Luxor. Flinders Petrie und James Quibell gruben dort im 19. Jahrhundert einen Seth-Tempel aus, dessen erhaltene Reste ins Neue Reich datieren (um 1500 v. Chr.), darunter Teile eines Tores von Thutmosis I.
Bezeichnend ist die Lage der übrigen Kultorte: am Wüstenrand, an Karawanenwegen, in den Oasen der Westwüste und im nordöstlichen Delta, dem Tor nach Vorderasien. In Auaris, der späteren Hauptstadt der Hyksos (mehr dazu in der Geschichte Ägyptens), galt Seth nach Deutung der österreichischen Ausgräber schon vor deren Herrschaft als ägyptische Form eines syrischen Wettergottes, Hadad bzw. Baal-Zaphon. In der Ramessidenzeit wurde Baal dann als Erscheinungsform des Seth verstanden.
Vom Königsgott zum Feind der Götter
Seths Ansehen schwankte über die Jahrtausende stark:
- Frühzeit: In der 2. Dynastie ersetzte König Peribsen den Falken über seinem Königsnamen kurzzeitig durch das Seth-Tier. Horus und Seth zusammen standen für das Königtum über beide Landeshälften.
- Mittleres Reich: An den Thronseiten einer Statue Sesostris' I. binden Horus und Seth gemeinsam die Wappenpflanzen Ober- und Unterägyptens zusammen, das Bild für die Einheit des Landes.
- Neues Reich: Die Ramessiden, deren Familie vermutlich aus dem Ostdelta stammte, machten Seth zum Staatsgott und nannten sich Sethos oder Sethnacht. Unter Ramses II. entstand die sogenannte Vierhundertjahrstele, die Seth in der Gestalt Baals zeigt und nach gängiger Deutung an die lange Tradition seines Kults im Delta erinnert. In der Schlacht bei Kadesch trug eine der vier Heeresabteilungen Ramses' II. Seths Namen.
- Ab der Dritten Zwischenzeit (nach ungefähr 1070 v. Chr.): Neue Heiligtümer entstehen kaum noch, der Name verschwindet aus den Personennamen. Mit dem wachsenden Osiris-Kult und dem Misstrauen gegenüber Fremden wird Seth zum Feind der Götter.
Ganz verschwunden ist die alte Rolle aber nie. Noch im 5. oder 4. Jahrhundert v. Chr. zeigt ein Relief im Hibis-Tempel der Oase Charga Seth, wie er die Apophis-Schlange tötet. Das moderne Bild vom ägyptischen „Satan“ verdankt sich eher Filmen, Spielen und Esoterik als den Quellen.
Wo du Seth heute begegnest
Weil Seth später gemieden wurde, ist er an den großen Reisezielen selten. Einige Orte gibt es trotzdem:
- Tempel von Edfu zwischen Luxor und Assuan: Reliefs aus der Ptolemäerzeit erzählen den Kampf des Horus, Seth erscheint dort als Nilpferd, das Horus mit der Harpune erlegt. Edfu ist ein üblicher Halt auf Nilkreuzfahrten; dasselbe Motiv zeigt ein spätzeitliches Bronzeamulett im British Museum.
- Hibis-Tempel in der Oase Charga: das Relief mit Seth als Kämpfer gegen Apophis. Ob der Tempel geöffnet ist, prüfst du vor der Reise.
- Museen: Seth begegnet dir vor allem auf Amuletten, kleinen Stelen und an Thronseiten von Königsstatuen. Die beiden hier genannten Amulette im British Museum sind laut Sammlungsdatenbank derzeit nicht ausgestellt (Stand: Oktober 2026).
Verwandte Gottheiten und Verwechslungsgefahr
- Osiris: Bruder und Opfer, durch den Mord erst Herrscher des Jenseits.
- Horus: Neffe und Rivale um den Thron, zugleich Partner im Bild der vereinten beiden Länder.
- Nephthys und Isis: seine Schwestern, Nephthys zugleich seine Ehefrau, die im Mythos zu Osiris hält.
- Re: der Sonnengott, den Seth in der Barke verteidigt.
- Apophis: die Chaosschlange. Sie wird oft mit Seth verwechselt, ist aber sein Gegner in der Unterwelt.
- Anubis: schwarzer Canidenkopf mit spitzen Ohren und gerader Schnauze, nicht zu verwechseln mit dem Seth-Tier.
- Baal, Anat und Astarte: Gottheiten aus Vorderasien, die im Neuen Reich mit Seth gleichgesetzt oder ihm zugeordnet wurden.
Alle 16 Gottheiten mit einheitlichen Steckbriefen findest du im Überblick Ägyptische Götter.
Häufige Fragen
War Seth der Teufel der alten Ägypter?
Nein. Seth verkörperte Unordnung, Gewalt und das Fremde, aber auch rohe Kraft, die man gegen Feinde brauchte. Er hatte Tempel und Priester, Könige trugen seinen Namen, und in Totentexten schützt er den Sonnengott. Die Gleichsetzung mit dem Teufel ist eine moderne Vereinfachung; erst in später Zeit galt er vielen Ägyptern vor allem als Feind der Götter.
Welches Tier ist das Seth-Tier?
Das weiß niemand sicher. Vorgeschlagen wurden unter anderem Esel, Oryxantilope, Windhund, Erdferkel, Giraffe und Okapi, überzeugt hat keine dieser Deutungen. Viele Fachleute halten das Seth-Tier deshalb für ein Fabelwesen. Mit dem schakalsartigen Anubis hat es nichts zu tun.
Warum hieß ein Pharao Sethos, wenn Seth doch ein Mörder war?
Weil Seth für die Ägypter nicht nur Mörder war. Die Ramessiden stammten vermutlich aus dem Ostdelta, wo Seth ein Hauptgott war, und machten ihn im 13. Jahrhundert v. Chr. zu einem Staatsgott. Namen wie Sethos (ägyptisch Seti, etwa „der zu Seth Gehörige“) oder Sethnacht („Seth ist siegreich“) beriefen sich auf seine Stärke.
Wie endet der Streit zwischen Horus und Seth?
Je nach Text unterschiedlich. In der ramessidischen Erzählung des Papyrus Chester Beatty I spricht das Göttergericht nach langem Hin und Her Horus das Königtum zu, und Seth wird vom Sonnengott aufgenommen, um am Himmel zu donnern. In anderen Überlieferungen teilen die Götter das Land auf, in den späten Reliefs von Edfu tötet Horus seinen Gegner. Mehr dazu bei Horus.
Waren Seth und Nephthys verheiratet?
In der Überlieferung von Heliopolis sind sie Geschwister und Ehepaar. Die Ehe bleibt aber blass und kinderlos, die Forschung sieht darin eher ein Gegenstück zum Paar Isis und Osiris. Im Neuen Reich stehen außerdem die fremden Göttinnen Anat und Astarte an Seths Seite. Mehr bei Nephthys.
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Quellen und Stand
Stand: Oktober 2026. Angaben zu Preisen, Öffnungszeiten und Regeln können sich ändern. Prüfe sie vor der Reise bei der jeweiligen Stelle.
- Deutsche Bibelgesellschaft: Seth (WiBiLex, Das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet), Autor Carsten Knigge Salis (die-bibel.de, geprüft am 21. Oktober 2026)
- Brooklyn Museum: Stela with Image of Seth (16.580.187) (brooklynmuseum.org, geprüft am 21. Oktober 2026)
- The British Museum: Amulet, figure of Seth with double crown, Tomb of Ani (EA22897) (britishmuseum.org, geprüft am 21. Oktober 2026)
- The British Museum: Amulet, Horus harpooning the hippopotamus of Seth (EA71030) (britishmuseum.org, geprüft am 21. Oktober 2026)
- Digital Egypt, University College London: Naqada (Nubt): the Seth temple (ucl.ac.uk, geprüft am 21. Oktober 2026)
- Digital Egypt, University College London: Literature from Deir el-Medina (Papyrus Chester Beatty I, Tale of Horus and Seth) (ucl.ac.uk, geprüft am 21. Oktober 2026)
- Österreichisches Archäologisches Institut, Grabung Tell el-Dab'a (auaris.at): Tell el-Dab'a / Auaris: History of the site (auaris.at, geprüft am 21. Oktober 2026)
- Internet History Sourcebooks Project, Fordham University: Ancient History Sourcebook: The Battle of Kadesh (Übersetzung J. H. Breasted) (sourcebooks.web.fordham.edu, geprüft am 21. Oktober 2026)
- Encyclopedia.com / Gale: Myths of Horus, Seth, and Amun (Arts and Humanities Through the Eras) (encyclopedia.com, geprüft am 21. Oktober 2026)
- LacusCurtius, University of Chicago: Plutarch, De Iside et Osiride, Kap. 1 bis 19 (engl. Übersetzung, Loeb 1936) (penelope.uchicago.edu, geprüft am 21. Oktober 2026)
- LacusCurtius, University of Chicago: Plutarch, De Iside et Osiride, Kap. 20 bis 40 (engl. Übersetzung, Loeb 1936) (penelope.uchicago.edu, geprüft am 21. Oktober 2026)
Über den Autor: Oliver Misch
Herausgeber von AEGYPT
Oliver kennt Ägypten von vielen Reisen und Ausflügen, vor allem rund um das Rote Meer. Für AEGYPT recherchiert er jede Seite anhand amtlicher und fachlicher Quellen und nennt sie offen. Mehr über Oliver · So arbeiten wir


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