Auf Särgen, in Grabmalereien und auf Totenbuch-Papyri siehst du sie fast immer zu zweit: zwei Frauen, die eine am Kopf, die andere am Fußende der Mumie, die Arme zum Schutz oder zur Klage erhoben. Die eine ist Isis, die andere ihre Schwester Nephthys. Über Nephthys allein wird selten gesprochen, dabei war sie für die Ägypter eine der wichtigsten Gestalten rund um Tod und Bestattung.

Nephthys im Steckbrief
MerkmalAngabe
NameNephthys (griechisch), ägyptisch Nebet-Het
VariantenNebet-Hut, Nebthet (Fachumschrift Nbt-ḥwt); Bedeutung etwa „Herrin des Hauses“ oder „Herrin des Tempelbezirks“
ZuständigkeitTotenklage und Trauer, Schutz der Verstorbenen und ihrer Organe, Begleitung der Toten, Helferin der Isis im Osiris-Mythos
ErkennungsmerkmaleFrau mit dem Zeichen ihres Namens auf dem Kopf (Hausbezirk mit Korb darauf), oft kniend in Trauerhaltung oder als Milan mit ausgebreiteten Flügeln
Wichtige KultorteKein großer eigener Tempel bekannt; präsent in Osiris-Heiligtümern wie Abydos sowie in Gräbern und auf Särgen im ganzen Land
Verwandte GottheitenIsis, Osiris, Seth, Anubis, Geb und Nut, Neith, Selket
Illustration: Nephthys als Frau mit ihrem Namenszeichen aus Haus und Korb auf dem Kopf

Nebet-Het: Was der Name Nephthys bedeutet

Nephthys ist die griechische Form. Ägyptisch hieß die Göttin Nebet-Het oder Nebet-Hut, in Fachumschrift Nbt-ḥwt. Dass es zwei deutsche Schreibweisen gibt, liegt an der Schrift: Hieroglyphen notieren keine Vokale, die Aussprache wird deshalb unterschiedlich rekonstruiert. Gemeint ist immer dieselbe Göttin.

Nebet heißt „Herrin“. Het (oder Hut) bezeichnet einen ummauerten Bezirk, etwa einen Tempel, einen Palast oder ein großes Anwesen. Übersetzt wird der Name deshalb meist mit „Herrin des Hauses“, das Brooklyn Museum übersetzt sinngemäß „Besitzerin des Herrenhauses“. Welches Haus gemeint war, ist nicht sicher geklärt. Praktisch für dich: Die Göttin trägt ihren Namen als Hieroglyphe auf dem Kopf, ein rechteckiges Hauszeichen mit einem halbrunden Korb darauf.

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Trauer und Schutz: Was Nephthys für die Toten tat

Klagefrau für Osiris und jeden Verstorbenen

Nephthys ist die Klagende schlechthin. Gemeinsam mit Isis beweint sie den ermordeten Osiris, und weil jeder Verstorbene im Tod mit Osiris verbunden wurde, galt diese Klage auch ihm. Im Kult übernahmen Priesterinnen die Rollen der beiden Schwestern und sangen an der Bahre. Ein Beispiel ist der Papyrus des Nesmin aus Theben im British Museum, laut Kolophon 305 v. Chr. geschrieben. Er beginnt mit den „Liedern von Isis und Nephthys“, Klagegesängen für Osiris.

Wächterin am Sarg

Auf Särgen und in Grabbildern stehen die Schwestern an den Enden der Mumie, meist Nephthys am Kopf und Isis an den Füßen. Oft knien sie mit erhobenen Armen oder breiten als Milane die Flügel aus. So schützen sie den Toten wie einst Osiris.

Schutz der inneren Organe

Bei der Mumifizierung wurden Leber, Lunge, Magen und Gedärme getrennt bestattet, in Gefäßen unter dem Schutz der vier Horussöhne. Über diese wachten wiederum vier Göttinnen: Isis, Nephthys, Neith und Selket. Nephthys ist meist für Hapi zuständig, der die Lunge hütet. Wie die Balsamierung ablief, liest du unter Mumien und Jenseitsvorstellungen.

Kopfschmuck, Trauerhaltung, Milan: So erkennst du Nephthys

Nephthys erscheint fast immer als Frau in langem, eng anliegendem Kleid, mit Perücke und dem Namenszeichen auf dem Kopf. Typisch ist die Trauerhaltung: kniend, eine Hand vor dem Gesicht oder beide Arme erhoben. Eine bemalte Holzfigur aus der Spätzeit im Brooklyn Museum zeigt genau diese Geste; ihr Haar ist blau bemalt, als Anspielung auf Lapislazuli, das Material göttlicher Haare. Solche Figuren gehörten zur Grabausstattung.

Daneben gibt es die Vogelgestalt. Als Milane, also Greifvögel, sitzen Isis und Nephthys am Kopf- und Fußende der Totenbahre. Weil Isis und Nephthys sich so ähnlich sehen, entscheidet der Kopfschmuck: Isis trägt das Thronzeichen, Nephthys das Hauszeichen mit Korb. Fehlt beides, hilft oft nur die Beischrift.

Schwester der Isis, Frau des Seth: Nephthys im Osiris-Mythos

Nach der Überlieferung von Heliopolis ist Nephthys eine Tochter des Erdgottes Geb und der Himmelsgöttin Nut. Ihre Geschwister sind Osiris, Isis und Seth, und Seth ist zugleich ihr Ehemann. Diese Ehe bleibt in den Quellen blass und kinderlos; das Fachlexikon WiBiLex sieht darin eher einen formalen Akt, als Gegenstück zum Paar Isis und Osiris.

Als Seth Osiris tötet, steht Nephthys nicht zu ihrem Mann. Sie sucht mit Isis den Leichnam, beklagt ihn und hilft, ihn zu schützen. Eine durchgehende ägyptische Erzählung dazu gibt es nicht, die Motive verteilen sich über Totentexte und Rituale.

Ausführlicher, aber aus griechischer Sicht, erzählt Plutarch um 100 n. Chr.:

  • Nephthys sei am fünften der Zusatztage am Jahresende geboren, man nenne sie „Ende“, auch Aphrodite oder „Sieg“.
  • Osiris habe sie mit Isis verwechselt und mit ihr ein Kind gezeugt. Aus Angst vor Seth habe sie es ausgesetzt, Isis habe es mithilfe von Hunden gefunden: Anubis.
  • Die Ägypter nennten die äußersten Landstriche am Rand von Gebirge und Meer Nephthys, das fruchtbare Land dagegen Isis.

Das ist eine späte, philosophisch gefärbte Deutung. Ägyptische Texte nennen für Anubis auch andere Mütter, und die Gleichsetzung mit dem Grenzland findet sich so nur bei Plutarch.

Eine Göttin ohne großen eigenen Tempel

Anders als ihre Schwester hatte Nephthys keinen bekannten großen Tempel. Verehrt wurde sie vor allem dort, wo Osiris im Mittelpunkt stand, etwa in Abydos, dem wichtigsten Kultort des Osiris. Ihr eigentlicher Ort aber war das Grab. In fast jeder Nekropole des Landes begegnet sie dir auf Särgen, Kanopenkästen und Wandbildern. Wie diese Rolle in das ägyptische Weltbild passt, erklärt Religion und Mythologie im alten Ägypten.

Von den Pyramidentexten bis zu den Tempeln der Ptolemäer

Schon in den Pyramidentexten des späten Alten Reichs (ungefähr 2300 bis 2150 v. Chr.) treten Isis und Nephthys als Paar auf, das den toten König beklagt und schützt. Mit den Sargtexten des Mittleren Reichs und dem Totenbuch des Neuen Reichs wird dieser Schutz allen Verstorbenen zuteil, die sich ein entsprechendes Begräbnis leisten konnten. In der Spät- und Ptolemäerzeit gehören die Klagelieder der beiden Schwestern zu den Ritualen für Osiris, und in den Stundenwachen an seiner Mumie stehen sie an Kopf und Fuß. Während der Isis-Kult sich später im ganzen Mittelmeerraum verbreitete, blieb Nephthys an Ägypten und den Totenkult gebunden.

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Wo du Nephthys heute sehen kannst

  • British Museum, London: Im Totenbuch des Hunefer (EA 9901,3) thront Osiris im Schrein, begleitet von Isis und Nephthys. Laut Sammlungsdatenbank in Raum 62 ausgestellt (Stand: Oktober 2026).
  • Tal der Könige bei Luxor: Im Grab des Tutanchamun (KV62) steht noch der steinerne Sarkophag. An seinen Ecken breiten vier Schutzgöttinnen die Flügel aus, darunter Nephthys.
  • Tal der Königinnen: Im Grab der Nefertari (QV66) flankieren Isis und Nephthys einen widderköpfigen Mumiengott, der Sonnengott und Osiris in sich vereint. Das Grab hat ein eigenes, deutlich teureres Ticket, und die Besuchszeit im Grab ist begrenzt; die aktuellen Bedingungen prüfst du vor Ort.
  • Museen weltweit: Särge, Kanopenkästen und Totenbuch-Papyri mit dem Schwesternpaar gehören zu fast jeder Ägypten-Sammlung, auch in Kairo und im Grand Egyptian Museum bei Gizeh.

Verwandte Gottheiten und Verwechslungsgefahr

  • Isis: Schwester und Partnerin in Klage und Schutz. Die beiden sind oft nur am Kopfschmuck zu unterscheiden.
  • Osiris: der Bruder, um den Nephthys trauert, und Herrscher des Jenseits.
  • Seth: Ehemann und Mörder des Osiris; Nephthys stellt sich gegen ihn.
  • Anubis: bei Plutarch ihr Sohn, Gott der Balsamierung.
  • Neith und Selket: die beiden anderen Schutzgöttinnen der Organe. Selket erkennst du am Skorpion auf dem Kopf.

Alle 16 Gottheiten mit einheitlichen Steckbriefen findest du im Überblick Ägyptische Götter.

Häufige Fragen

War Nephthys eine böse Göttin, weil sie mit Seth verheiratet war?

Nein. Im Mythos steht Nephthys nicht auf der Seite ihres Mannes, sondern hilft Isis, den ermordeten Osiris zu suchen, zu beklagen und zu schützen. In Gräbern und auf Särgen ist sie eine verlässliche Schutzgöttin. Das Bild einer dunklen Göttin der Nacht oder des Todes stammt aus moderner Popkultur und Esoterik, nicht aus ägyptischen Quellen.

Was ist der Unterschied zwischen Nephthys und Isis?

Die beiden Schwestern sehen sich sehr ähnlich und treten oft als Paar auf. Am sichersten unterscheidest du sie am Kopfschmuck: Isis trägt das Thronzeichen, Nephthys das Zeichen ihres Namens, einen Hausbezirk mit einem Korb darauf. Isis ist die Mutter des Horus und Herrin der Magie mit einem weit verbreiteten eigenen Kult, Nephthys bleibt fast ganz auf Totenkult und Trauer beschränkt. Mehr bei Isis.

Ist Nephthys die Mutter von Anubis?

In einer bekannten Fassung ja. Der griechische Autor Plutarch erzählt um 100 n. Chr., Nephthys habe von Osiris einen Sohn bekommen und ihn aus Angst vor Seth ausgesetzt; Isis habe ihn gefunden und aufgezogen. Ägyptische Texte nennen daneben andere Mütter. Mehr dazu bei Anubis.

Warum werden Isis und Nephthys als Vögel dargestellt?

In Totenbüchern und Gräbern erscheinen die beiden Schwestern oft als Milane, also Greifvögel, am Kopf- und Fußende der Mumie. Eine verbreitete Erklärung: Der schrille Ruf dieser Vögel erinnerte an die Klagen trauernder Frauen. Die Vogelgestalt steht für die Suche nach Osiris und für die Trauer um ihn.

Hatte Nephthys eigene Tempel?

Ein großer eigener Tempel ist nicht bekannt. Nephthys wurde vor allem im Umfeld des Osiris-Kults verehrt und war in Gräbern, auf Särgen und in Totentexten allgegenwärtig. Für Reisende heißt das: Du findest sie vor allem in Grabmalereien und Museen, nicht in einem eigenen Heiligtum.

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Quellen und Stand

Stand: Oktober 2026. Angaben zu Preisen, Öffnungszeiten und Regeln können sich ändern. Prüfe sie vor der Reise bei der jeweiligen Stelle.

Über den Autor: Oliver Misch

Herausgeber von AEGYPT

Oliver kennt Ägypten von vielen Reisen und Ausflügen, vor allem rund um das Rote Meer. Für AEGYPT recherchiert er jede Seite anhand amtlicher und fachlicher Quellen und nennt sie offen. Mehr über Oliver · So arbeiten wir

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