Hathor ist die Göttin, die dir auf Säulen, Rasseln und Tempelwänden oft frontal ins Gesicht schaut: ein Frauengesicht mit Kuhohren. Sie stand für Musik, Tanz, Rausch und Liebe, aber genauso für den Himmel, für Mütter und für die Toten. Diese Spannbreite macht sie zu einer der vielseitigsten Gottheiten Ägyptens und erklärt, warum sie so oft mit anderen Göttinnen verwechselt oder gleichgesetzt wurde.

Hathor im Steckbrief
MerkmalAngabe
NameHathor (griechische Form), ägyptisch Hut-Hor, „Haus des Horus“
VariantenHwt-Hrw (Fachumschrift), Athyr (griechisch, auch Monatsname), lokale Formen wie Hathor von Dendera oder die Sieben Hathoren
ZuständigkeitMusik, Tanz und Freude, Liebe, Mutterschaft, Himmel, Schutz der Toten im Westen, ferne Länder
ErkennungsmerkmaleKuhhörner mit Sonnenscheibe, frontales Gesicht mit Kuhohren, Sistrum; auch ganz als Kuh
Wichtige KultorteDendera, Deir el-Bahari in Theben-West, kleiner Tempel von Abu Simbel, Serabit el-Chadim auf dem Sinai
Verwandte GottheitenRe, Horus, Ihi, Isis, Sechmet, Bastet, Mut, Bat
Illustration: Hathor als Frau mit Kuhhörnern und Sonnenscheibe, in der Hand ein Sistrum

Hut-Hor, „Haus des Horus“: Name und Beinamen

Hathor ist die griechische Form des ägyptischen Hut-Hor. Übersetzt heißt das „Haus des Horus“. Gemeint ist wohl der Himmel, in dem der Falke Horus wohnt. Der Name macht Hathor zur Mutter oder zur Gefährtin des Horus, und beides findest du in den Quellen. Das ist kein Fehler: Ägyptische Götter konnten je nach Ort verschiedene Rollen zueinander einnehmen.

Ihre Beinamen zeigen, wie weit ihr Einflussbereich reichte:

  • „Herrin von Dendera“, nach ihrem Hauptkultort in Oberägypten.
  • „Herrin des Westens“: Im Westen lagen die Friedhöfe, dort empfing Hathor die Verstorbenen.
  • „Herrin des Türkis“ und „Herrin von Byblos“: Hathor war auch für Orte außerhalb Ägyptens zuständig, etwa die Türkisminen auf dem Sinai und die Hafenstadt Byblos im heutigen Libanon.
  • „Die Goldene“, ein Ehrenname, der auf ihren Glanz und ihre Nähe zum Sonnengott anspielt.

Bis heute lebt ihr Name im koptischen Kalender weiter: Der Monat Hatur geht auf den altägyptischen Monat zurück, der nach ihr benannt war.

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Musik, Rausch und Liebe: wofür die Göttin Hathor stand

Musik und Tanz

Zu Hathor gehört vor allem das Sistrum. Diese Rassel wurde im Tempel geschüttelt, um Götter zu erfreuen und zu besänftigen. Ihr Griff trägt fast immer das Hathor-Emblem, ein Frauengesicht mit Kuhohren. Dazu kommt die Menit, eine schwere Perlenkette mit Gegengewicht, die ebenfalls als Rassel diente.

Liebe und Freude

Hathor war für die Liebe zuständig, auch für die körperliche. Die Griechen erkannten in ihr deshalb ihre Aphrodite. Zu Hathor gehört außerdem der Rausch: Feste mit Wein, Bier und Musik waren eine Form des Gottesdienstes und kein Widerspruch zur Frömmigkeit.

Mutter und Amme

Als Kuh säugt Hathor den König und schützt ihn. Eine große Statue aus Deir el-Bahari zeigt genau das: Die Kuh mit Sonnenscheibe zwischen den Hörnern, darunter steht König Amenhotep II. In Dendera ist der junge Gott Ihi ihr Sohn, ein Musikant mit Sistrum. Ägyptische Frauen wandten sich mit Kinderwunsch und vor der Geburt an sie.

Herrin des Westens

In Theben-West galt Hathor als Schutzgöttin der Nekropole. In Totenbüchern tritt sie als Kuh aus dem Westgebirge hervor, um die Toten aufzunehmen. Ihre Rolle ist dabei eine freundliche: Sie empfängt und versorgt, sie richtet nicht. Das Gericht über die Toten ist Sache anderer Götter, mehr dazu bei Anubis.

Kuh, Frau oder Gesicht mit Kuhohren: So erkennst du Hathor

Hathor erscheint in drei Grundformen. Als Frau trägt sie eine Perücke und darauf Kuhhörner, die eine Sonnenscheibe umfassen, oft mit Uräusschlange. Als Kuh steht sie häufig zwischen Papyrusstängeln, ebenfalls mit Hörnern und Sonnenscheibe. Die dritte Form ist das frontale Gesicht mit Kuhohren und schwerer Perücke, das du auf Sistren und als Säulenkapitell findest. Ungewöhnlich ist die Frontalansicht, weil ägyptische Kunst Köpfe fast immer im Profil zeigt.

Dieses Gesicht hat eine Vorgeschichte. Es gehörte ursprünglich wohl zur Göttin Bat aus Oberägypten, die früh mit Hathor verschmolz. Das Metropolitan Museum spricht beim Hathor-Emblem auf Sistren deshalb von „Hathor (auch Bat)“. Ob die Kuhköpfe auf der berühmten Narmer-Palette Bat oder Hathor darstellen, ist umstritten.

Zur Verwechslung mit Isis: Isis trägt ursprünglich das Thronzeichen auf dem Kopf. In der Spätzeit übernimmt sie aber Kuhhörner und Sonnenscheibe von Hathor. Auf späten Reliefs entscheidet deshalb die Beischrift oder der Zusammenhang, etwa das Horuskind auf dem Schoß der Isis.

Blick nach oben zwischen Tempelsäulen mit Hieroglyphen in Luxor
Blick nach oben zwischen Tempelsäulen mit Hieroglyphen in Luxor

Tochter des Re: Hathor im Mythos

Hathor gehört zum Hof des Sonnengottes Re und gilt als seine Tochter. Die folgenden Erzählungen sind Mythen, keine Berichte.

Die Erzählung von der Himmelskuh

Der Sonnengott ist alt geworden, und die Menschen planen einen Aufstand gegen ihn. Re schickt seine Tochter Hathor aus, um sie zu bestrafen. Sie richtet ein Blutbad an und erhält dabei den Namen Sechmet. Re will die Menschheit aber nicht ganz auslöschen. Er lässt Bier mit Ocker rot färben, sodass es wie Blut aussieht, die Göttin trinkt davon, wird berauscht und ist besänftigt. Danach zieht sich Re in den Himmel zurück, getragen von einer Himmelskuh. Belegt ist der Text ab der späten 18. Dynastie, ungefähr im 14. Jahrhundert v. Chr., er geht aber vermutlich auf ältere Vorlagen zurück.

Das ferne Sonnenauge

Eine zweite Erzählung kennt die Tochter des Re als Sonnenauge, das sich im Zorn nach Nubien zurückzieht und mühsam zurückgeholt werden muss. Sie ist vor allem aus späten Tempelinschriften und einem demotischen Text bekannt. Je nach Ort spielen dabei verschiedene Göttinnen die Hauptrolle, auch Tefnut oder Bastet.

Hochzeit mit Horus von Edfu

In griechisch-römischer Zeit gilt Hathor von Dendera als Gemahlin des Horus von Edfu. Einmal im Jahr fuhr ihr Kultbild nach den Tempelinschriften nilaufwärts zu ihm. Das Fest des schönen Besuchs dauerte laut dem Ägyptologen Dieter Kurth vierzehn Tage, mit Prozessionen, Opfern und Beteiligung der Bevölkerung.

Dendera und die anderen Kultorte

Der wichtigste Ort ist Dendera nördlich von Luxor bei Qena. Der heutige Tempel stammt aus der Ptolemäer- und Römerzeit, doch laut Antikenministerium gab es dort schon im Alten Reich unter König Pepi I. einen Vorgängerbau. Die Vorhalle tragen Säulen, deren Kapitelle Hathor-Gesichter mit Kuhohren zeigen. An der Decke sind astronomische Darstellungen erhalten, und an der Rückwand des Tempels stehen Kleopatra VII. und ihr Sohn Caesarion als Opfernde.

In Theben-West hatte Hatschepsut im Totentempel von Deir el-Bahari eine eigene Hathor-Kapelle mit Säulen in Sistrumform; Hathor galt als Schutzgöttin dieses Talkessels. Weiter südlich ließ Ramses II. in Abu Simbel den kleinen Tempel für Hathor und seine Gemahlin Nefertari aus dem Fels schlagen. An der Fassade steht Nefertari als Hathor gekleidet neben Statuen des Königs.

Weit vom Niltal entfernt lag Serabit el-Chadim auf dem Sinai, ein Heiligtum der „Herrin des Türkis“ bei den Minen, die ägyptische Expeditionen ausbeuteten. Kleinere Hathor-Tempel stehen unter anderem in Deir el-Medina und auf der Insel Philae bei Assuan.

Von der Kuhgöttin der Pyramidenzeit zur ägyptischen Aphrodite

Hathor ist alt. Das Metropolitan Museum datiert ihre Verehrung bis etwa 2600 v. Chr. zurück. Schon im Alten Reich steht sie neben dem König: Aus dem Taltempel des Mykerinos in Gizeh stammen Statuengruppen, die den König zwischen Hathor und einer Gaugottheit zeigen, ein Fragment ist im Museum of Fine Arts in Boston ausgestellt. Im Neuen Reich wird sie in Theben zur Herrin der Nekropole und zur Schutzmacht des Königtums.

Mit der Zeit verschwimmen die Grenzen. Bastet, Mut und Sechmet werden mit Hathor verbunden oder gleichgesetzt, und in der Spätzeit übernimmt Isis ihren Kopfschmuck. Die großen Tempel, die du heute in Dendera siehst, sind Bauten dieser späten Zeit, als Ptolemäer und römische Kaiser die alten Kulte prachtvoll weiterführten. Für die Griechen war Hathor schlicht Aphrodite. Wie sich Kulte und Göttervorstellungen über drei Jahrtausende verschoben, erklärt der Artikel Religion und Mythologie im alten Ägypten.

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Wo du Hathor heute sehen kannst

  • Tempel von Dendera: Hathor-Säulen, Deckenbilder und Dachkapellen. Der berühmte Tierkreis an der Decke einer Dachkapelle ist vor Ort eine Nachbildung; das Original wurde 1822 herausgesprengt und befindet sich im Louvre in Paris. Besuch meist als Tagesausflug von Luxor.
  • Hathor-Kapelle im Hatschepsut-Tempel von Deir el-Bahari: Säulen mit Hathor-Kapitellen. Welche Bereiche offen sind, prüfst du vor Ort.
  • Kleiner Tempel von Abu Simbel: Fassade mit Nefertari als Hathor, im Inneren Pfeiler mit Hathor-Köpfen.
  • Ägyptisches Museum in Kairo: der bemalte Schrein Thutmosis’ III. mit der Hathor-Kuh, die Amenhotep II. beschützt, gefunden 1906 in Deir el-Bahari. Laut Museum im Erdgeschoss, Saal 12 (Stand: Oktober 2026); weil Objekte ins Grand Egyptian Museum umziehen, vorher kurz prüfen.
  • Metropolitan Museum, New York: ein Hathor-Emblem aus Fayence, einst Teil eines Sistrums, laut Museum in Galerie 130 ausgestellt (Stand: Oktober 2026).

Verwandte Gottheiten und Verwechslungsgefahr

  • Re: ihr Vater; als seine Tochter verkörpert Hathor das Sonnenauge.
  • Horus: je nach Überlieferung Sohn oder Gemahl; in Edfu ihr Ehemann.
  • Isis: übernimmt später Hathors Kopfschmuck, ist aber eine eigene Göttin mit anderem Mythos.
  • Sechmet: die zerstörerische Gestalt des Sonnenauges, im Mythos aus Hathor hervorgegangen.
  • Bastet und Mut: Göttinnen, die mit Hathor verschmelzen konnten.
  • Bat: alte Kuhgöttin aus Oberägypten, deren Gesicht im Hathor-Emblem weiterlebt.

Alle 16 Gottheiten mit einheitlichen Steckbriefen findest du im Überblick Ägyptische Götter.

Häufige Fragen

Ist Hathor dieselbe Göttin wie Isis?

Nein, es sind zwei eigenständige Göttinnen. Isis steht vor allem für Magie, Schutz und den Osiris-Mythos, Hathor für Musik, Liebe, Rausch und den Himmel. In der Spätzeit übernahm Isis aber Kuhhörner und Sonnenscheibe, deshalb hilft auf späten Reliefs oft nur die Beischrift. Mehr dazu auf der Seite über Isis.

Warum wird Hathor als Kuh dargestellt?

Die Kuh steht für Fürsorge, Nahrung und den Himmel: In ägyptischen Vorstellungen konnte der Himmel als riesige Kuh gedacht werden, und die Kuh, die den König säugt, ist ein Bild für göttlichen Schutz. Niemand hielt Hathor wörtlich für ein Rind. Die Kuhgestalt war eine von mehreren Erscheinungsformen neben der Frau mit Kuhhörnern.

Was hat Hathor mit Sechmet zu tun?

In der Erzählung von der Himmelskuh schickt der Sonnengott seine Tochter Hathor gegen die Menschen. Im Blutrausch erhält sie den Namen Sechmet und wird erst mit rot gefärbtem Bier gebändigt. Beide Göttinnen bleiben im Kult trotzdem eigenständig, die Erzählung zeigt nur, wie nah Freude und Gefahr in diesem Götterbild beieinander lagen. Mehr dazu bei Sechmet.

Lohnt sich ein Ausflug nach Dendera?

Wenn dich Tempel interessieren, ja: Dendera gehört zu den am besten erhaltenen Tempeln des Landes und ist meist weniger voll als Karnak. Du erreichst es als Tagesausflug von Luxor, oft zusammen mit Abydos. Laut Antikenministerium ist täglich von 7 bis 17 Uhr geöffnet, Erwachsene aus dem Ausland zahlen 300 EGP (Stand: Oktober 2026).

Ist der Tierkreis an der Decke in Dendera echt?

Das Relief an Ort und Stelle ist eine Nachbildung. Das Original wurde 1822 mit Sprengstoff aus einer Dachkapelle gelöst und nach Frankreich gebracht, heute gehört es dem Louvre in Paris. Es stammt aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. und ist damit kein uraltes Weltwissen, wie im 19. Jahrhundert manchmal behauptet wurde.

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Quellen und Stand

Stand: Oktober 2026. Angaben zu Preisen, Öffnungszeiten und Regeln können sich ändern. Prüfe sie vor der Reise bei der jeweiligen Stelle.

Über den Autor: Oliver Misch

Herausgeber von AEGYPT

Oliver kennt Ägypten von vielen Reisen und Ausflügen, vor allem rund um das Rote Meer. Für AEGYPT recherchiert er jede Seite anhand amtlicher und fachlicher Quellen und nennt sie offen. Mehr über Oliver · So arbeiten wir

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